Roland Jesse, Helgoland-Marathonläufer

Ich komme gerade von Helgoland, wo ich fünf Mal um die Insel gelaufen bin. Das Spannende ist wahrscheinlich, warum man den Blödsinn macht. Und das kann ich leider nicht beantworten, das ist das Drama.

Roland Jesse

Es war mein zweiter Marathon. Den ersten habe ich letztes Jahr zu Hause in Karlsruhe gemacht, im flachen Land, im Kreis herum, in der Stadt, alles berechenbar. Und ich bin angekommen! Erfolgreich ist was anderes, aber ich bin angekommen. Wenn auch eher unelegant. Und wie das so ist, man schreibt einen netten Text darüber und stellt ihn online, und dann kam so ein schöner Kommentar, dass es auch einen auf Helgoland gibt. Ich dachte: haha, was für ein Witz. Ich war schon auf der Insel, nie im Leben kann man da einen Marathon veranstalten. Das geht gar nicht, das ist technisch unmöglich. Und dann habe ich den Link angeklickt und festgestellt: stimmt tatsächlich. Und noch während des Herumsurfens, spät am Abend am Rechner, dachte ich, ist doch witzig, schöne Idee, und zack! hatte ich mich angemeldet. Nicht lange herumüberlegt.
Gestern habe ich noch mal auf die Anmeldebestätigung geguckt, das war am 28. September. Der Marathon bei uns zu Hause war am 21., da waren also sieben Tage dazwischen. Die habe ich wahrscheinlich gebraucht, um überhaupt wieder mit der Welt reden zu können. Da war ich dann also angemeldet, aber das habe ich nicht richtig ernstgenommen.

Ich bin auch, weil ich damals nach dem ersten Lauf so k.o. war, mindestens zwei, vielleicht sogar drei Monate gar nicht mehr gelaufen. Erstmal habe ich die Füße hochgelegt und andere Sachen gemacht, den Schreibtisch wieder reanimiert. Und dann habe ich mitten im Winter wieder angefangen. Ein paar Laufkollegen bringen immer so große Motivationssprüche wie: »Die Erfolge des Sommers werden im Winter gemacht«, und da denkst du natürlich: jaaaajajaja, ein Traum. Wenn man was braucht, dann sowas. Aber es ist auch nicht ganz falsch. Bis Anfang Mai war es dann plötzlich gar nicht mehr so lange hin, und ganz ohne Vorbereitung geht es wirklich nicht. Beim ersten Lauf war ich schlecht vorbereitet.

Roland Jesse

Es wird dringend empfohlen, sich einen Trainingsplan zu holen oder ein Buch. Es gibt Schulen, die sagen, Du musst den Heiligen Steffny lesen – das ist der einzige Name, den ich kenne –, sonst stirbst du unterwegs. Das ist der Marathongott. Egal, ich ignoriere das, ich habe mir keine Bücher gekauft, sondern einfach online irgendeine Laufseite genommen und auf den Knopf gedrückt, und da steht dann: jetzt noch sechzehn Wochen, jetzt noch zwölf Wochen, und so weiter. Das habe ich mir ausgedruckt und es in der Abstellkammer, wo meine Schuhe stehen, an die Wand genagelt. Und dann jeden Tag einmal draufgeguckt, was ich theoretisch jetzt machen müsste. Es war zum Glück ein Plan, der immer mal einen Tag Pause macht. Es gibt auch Pläne, die jeden Tag irgendwas vorsehen. Völlig absurd.

Daran habe ich mich so grob orientiert und versucht, über die Woche hinweg nicht viel weniger zu laufen als der Plan vorsah. Es sind einige kurze Läufe dabei, so 10 oder 15 Kilometer, die macht man locker nebenbei, abends nach Feierabend. Die Zeitfrage ist echt ein Dilemma, wie bei den meisten Hobbys. Du brauchst ja für alles, was du machst, ewig Zeit. Das ist auch der Grund, warum ich nicht Fahrrad fahre: die meisten Fahrradfahrer, die ich kenne, sind den ganzen Tag unterwegs. Ist auch schön, aber mit Familie ist das schwierig.
Die kurzen Sachen habe ich nach Feierabend gemacht, wenn die Kinder im Bett waren. Zu Weihnachten habe ich mir schön brav eine Stirnlampe schenken lassen, weil man sonst im Wald gegen die Bäume rennt. Das ist frustrierend. Und dann bin ich nachts durch die Stadt oder durch den Wald gelaufen und danach tot ins Bett gefallen.
Hügelig ist es bei uns erstaunlicherweise nicht, wir sind im Nordschwarzwald, wo man immer meint, da sind Berge, aber die Berge fangen erst am Ende meiner Laufstrecke an. Wir haben einen Berg in der Stadt, den Turmberg, das sind ein paar Höhenmeter, aber auch nicht viel. Unter zweihundert. Aber es führen steile Treppen hoch, die habe ich ab und zu genommen, um für Helgoland zu trainieren. Es führt auch eine Straße hoch, das habe ich auch ein paarmal gemacht. Immer rauf und runter. Oben gibt es ein richtig schönes Restaurant, aber da war ich nie drin, weil es zu edel ist. Mit Turnschuhen und Laufhose lassen die da keinen rein. Bisschen schade.

Aber ich hatte echt Angst vor den Höhenmetern auf der Insel. Der Spaß ist ja nicht nur, dass man fünf Runden läuft, sondern fünf Runden hoch und runter. Allerdings nicht die Treppen hoch. Und man darf nicht den Fahrstuhl vom Unterland ins Oberland nehmen! Das wäre doch eigentlich eine schöne Idee gewesen, den Euro hätte ich gern eingesteckt, kein Problem, fünf Euro, um diese Höhenmeter zu überwinden. Darf man aber nicht.

Roland Jesse

Es geht den sogenannten Düsenjäger hoch, das ist gegenüber der Nordseehalle. Das ist ein ganz steiler Weg, eigentlich heißt er Millstätter Weg, mit angeblich 40% Steigung. Das geht echt hoch. Und das Miese ist: so ein steiler Weg geht ja nicht geradeaus hoch, sondern da ist noch eine Kurve drin. Von unten sieht man nur bis zur Kurve und denkt: naja, geht doch, und dann kommt die Kurve, und danach nimmt die Steigung noch mal zu. Das ist echt frustrierend.
Man klugscheißert natürlich mit den anderen vorher ein bisschen herum über die besten Strategien, und es heißt: den Düsenjäger bei den ersten zwei Runden auf jeden Fall gehen, damit man das dritte und vierte Mal überhaupt noch gehen kann, und das fünfte Mal irgendwie überlebt. Ein paar Leute sind da aber auch hochgelaufen, davon war einer der, der am Ende auch gewonnen hat. Die anderen hat man dann oben wieder eingesammelt, die lagen da und waren fertig. Also: Jeder vernünftige Mensch geht das Ding hoch. Aber darauf war ich vorbereitet, die Höhenmeter trainierst du, das kriegst du hin. Und Gehen ist auf dem Stück auch nicht verpönt oder so. Ansonsten ist es immer ein bisschen unelegant, auf gerader Strecke macht man das nicht.

Die Höhe war also gar nicht so schlimm. Der Hammer war der Wind. Das wusste ich zwar, aber trainier mal Wind! Das ist nicht so einfach. Bei uns geht kein Wind, wir haben keine Küste, da pustet nichts. Es war schon ein Glück, wenn mal Regen und ein bisschen Wind war, da dachte ich schon hey, schlechtes Wetter, juhu! Aber den Gegenwind gab’s halt nicht. Und das Allergemeinste war, man denkt: wenn Wind ist, dann oben auf dem Oberland, und da dann nur auf der Hälfte der Strecke, den Rest hast du Rückenwind. Es wird schon irgendwie gehen. Darauf war ich auch mental einigermaßen eingestellt. Ich dachte, da beißt du dich irgendwie durch, es ist nicht so viel, das sind zweieinhalb Kilometer, die schaffst du.
Worauf ich nicht vorbereitet war, war das Wellensturzbecken an der Südspitze. Da ist eine Mauer links und eine Mauer rechts, wo bei Sturm das Wasser rüberschwappt und dann ablaufen soll. Und dadurch hat das so einen Tunneleffekt, da pustet es dir so richtig entgegen. Der ehrlichste Gegenwind, den man haben kann. Und das ist ein langes Stück, man sieht auch, dass es noch ein Ende hin ist. Das war echt brutal.
Man läuft bis zum Ende durch, hinten dreht man um und läuft wieder zurück, und dann dreht man wieder um und läuft quasi neben diesem Wellenbecken noch mal zurück. Man läuft das Stück dreimal, und davon nur einmal mit Rückenwind. Man meint, es wäre die ganze Zeit Orkan. Das war echt brutal. Und es sind ja fünf Mal drei Mal.

Roland Jesse

Aber das mit den fünf Runden war gut. Normalerweise zählt man immer die Kilometer mit, fünf Kilometer, zehn Kilometer, man hat so seine Strategien, sich die Energie einzuteilen und so, aber auf Helgoland ist das anders, da zählt man die Runden. Der Düsenjäger ist ganz am Anfang, nach zwei Kilometern oder zweieinhalb. Ich habe dann immer die Aufstiege gezählt. Die ersten beiden waren ganz okay, der dritte ging so einigermaßen, und dann wurde es anstrengend. Beim vierten dachte ich: puh, Hölle, aber jetzt musst du nur noch einmal da hoch. Dass es da noch zwei fast volle Runden waren, war dann egal, weil der Rest schon irgendwie geht.
Das hat wirklich geholfen, dass man weiß, es sind nur fünf Mal. Das ist viel einfacher, als bis 42 zu zählen. Und dass am Anfang der fünften Runde die Runde quasi schon gelaufen war, war auch nett. Denn wenn man erst mal oben war, hatte man es gefühlt schon irgendwie geschafft. Ich wusste zwar, jetzt kommt noch dieses blöde Becken, aber trotzdem hatte ich das Gefühl: geschafft. Jetzt kannst du auch nicht mehr aufgeben, das glaubt dir ja kein Mensch. Das wäre ja Blödsinn.

Ans Aufgeben habe ich komischerweise überhaupt nicht gedacht. Damals in Karlsruhe hatte ich das, da dachte ich, ach scheiße, was soll denn das überhaupt, ich hör auf. Da gibt es auch diese zusätzliche Erschwerung, dass man auf der Hälfte die Chance hat abzubiegen und es sich als Halbmarathon werten zu lassen. Schöne Idee, aber total hinterhältig. Die hundert Meter nach der Entscheidung weiterzulaufen waren die Hölle. Und ab da konnte ich nicht mehr.
Das war hier nicht so, hier ging nur die ganze Distanz oder gar nicht. Aber es ist monoton. Es ist langweilig. Du läufst vier Stunden im Kreis, du überlegst dir ja nicht, was du als nächstes machen musst. Du musst halt Schritt für Schritt vorwärts. Und dann guckst du links und rechts. Die ersten zwei Runden machst du ein bisschen Sightseeing, freust dich über den weiten Blick auf dem Oberland, da war auch das Wetter noch richtig schön, man konnte sehr weit gucken, es war fast sonnig.

In der ersten Runde habe ich vergessen, mich nach der Langen Anna umzudrehen, denn die sieht man nicht direkt, wenn man von der anderen Seite kommt. In der zweiten Runde habe ich es dann gemacht, okay, gesehen, Lange Anna und die Felsen, das ist wirklich der Hammer. Das ist der Blick, bei dem man denkt: ja, dafür machst du das. Raus aufs Meer, das ist schon schön.

Lange Anna

Also zwei Runden Sightseeing. Danach habe ich mir dann eher die Leute angeguckt, die da herumlaufen. Ich kann keinem empfehlen, Urlaub auf der Insel zu machen, wenn der Marathon ist. Die laufen dauernd alle an dir vorbei, und sie schubsen zwar nicht gerade, aber es ist schon blöd. Die Touristen mussten immer auf die Wiese ausweichen. Manche haben ein gutes Gesicht gemacht, manche nicht so. Aber es sind schon Charaktere, die da herumlaufen, ein bisschen kriegt man das ja mit. Und das Kopfkino spielt einem dann vor, was die da eigentlich alle machen. Da gibt es Paare, wo man genau merkt, die machen gerade Ehekonsolidierung, die nehmen sich zwei, drei Tage und fahren auf eine Insel, damit sie sich danach wieder besser verstehen. Ein Paar war da, da lief sie vorweg, er trabte zehn Meter hinterher, und du sahst seine Miene zu dem, was sie erwartet. Und dann guckst du, ob sie bei der nächsten Runde immer noch an der Stelle stehen und sich inzwischen einig geworden sind. Es ist ein Traum.

Kaffee

Auch schön sind die Ornithologen. Das ist ein Schlag für sich, ich verstehe die nicht wirklich. Mit ihren halbmeterlangen Objektiven. Was machen die dann mit den Bildern? Diesmal habe ich etwas gesehen, was ich vorher nicht mitbekommen habe. Ich habe zwei Leute gesehen, ein älterer, gesetzterer Herr, der als Hobby sonst bestimmt Harley fährt, oder Porsche, oder was alte Herren mit grauem Bart halt so machen. Und jetzt hat er sich mal ein Vogelguck-Wochenende auf Helgoland gegönnt und hatte einen jungen Führer dabei. Der sich auskennt und sagt, hier ist ein guter Spot zum Gucken, hier ist es toll. Und die standen beide da und guckten aufs Meer hinaus, es war diesig und fing an zu regnen. Sie hatten ihre Kameras auf die Schultern gehievt und guckten nach draußen, leicht frustriert der eine, und der andere so: Jajaja, morgen haben wir Sonnenschein. Und der erste: Na hoffentlich. Es klang wie: schlechtes Wetter habe ich nicht gebucht.
Da spielen sich kleine Dramen ab! Das ist sehr schön, das hätte man sonst nicht mitgekriegt. Man vertreibt sich damit die Zeit. Sonst würde man verrückt, wenn man dauernd über seinen Körper und seine Wehwehchen nachdenken würde.

Vögel

Manche sagen, sie brauchen das Laufen, um völlig abzuschalten und zu meditieren. Sie denken dann gar nichts. Andere sagen, das wäre der Zeitpunkt, wo sie Geschichten schreiben oder ihre gesamte Arbeit rekapitulieren und alles neu sortieren. Ohne das könnten sie tagsüber im Job gar nicht mehr klarkommen, weil sie gar nicht die Zeit hätten oder die Muße für diese Dinge. Ich weiß nicht, ich habe das beides nicht, oder beides ein bisschen. Gerade bei längeren Läufen denke ich am Anfang noch über alles mögliche nach und versuche, ein bisschen was loszuwerden. Danach läuft es einfach, dann ist der Kopf leer. Dann denke ich mir Geschichten aus. Wenn ich zu Hause am Rechner sitze und anfange zu schreiben … dann machst du dir erstmal einen Kaffee, und dann machst du erstmal dieses und jenes. Da kommt nichts bei rum. Also entstehen Dinge unterwegs. Das Dumme ist, man hat ja nichts zum Schreiben dabei, ich habe auch nie ein Telefon dabei. Das würde ich eh nicht verstehen, wenn ich da reinsprechen würde, das Gejapse wäre nicht zu ertragen. Aber es ist eine Mischung aus Meditieren oder Den-Kopf-Freikriegen und mir Geschichten ausdenken, die ich dann hoffentlich schnell runtergeschrieben kriege, wenn ich wieder zu Hause bin. So war das auf der Insel auch.

Robbenbaby

Robbengelunger

Zum Beispiel dieses Pärchen, das da zehn Meter auseinander lief, das hat sich echt eingeprägt. Er mit einem Gesicht hinter ihr her, das sie nicht sehen wollte. Oder dieser Reiseleiter mit seinem unzufriedenen Kunden, das wird man irgendwann noch mal wiederfinden, das kann man noch mal gebrauchen. Oder die Kinder da! Am Anfang machen sie sich einen Spaß und laufen ein Stück mit und finden das lustig. Supergemein! Die haben ihren Spaß und sind total fit, und man denkt, nein, danke, das motiviert mich jetzt gar nicht so, wie du denkst.

Aber sie haben auch Trinkbecher eingesammelt, das war wirklich große Klasse. Abgesehen davon, dass ich es auf der Insel wahnsinnig kultiviert fand. In Karlsruhe und wahrscheinlich bei den meisten anderen Stadtläufen ist es so, dass sich Wahnsinns-Müllberge um die Versorgungsstationen auftürmen. Das ist echt asozial. Ich verstehe es auch nicht.
Auf Helgoland gab es vier Versorgungsstationen mit Getränken in kleinen Plastikbechern. Man nimmt sich so einen kleinen Becher, Stück Banane dazu, wenn man will, trinkt ein paar Schlucke, und dann kommt der Becher in einen Mülleimer oder eine Tüte, die zehn Meter dahinter steht. Es ist schon schwer, im Laufen zu trinken, man bleibt halt kurz stehen und läuft dann weiter. Erstaunlich viele Leute nehmen sich so einen Becher und werfen ihn dann schwungvoll in die Botanik, das ist wirklich assig. Aber auf der Insel komischerweise nicht. Ich weiß nicht, ob die Läufer alle kultivierter sind, oder ob es besser organisiert war. An einer Stelle stand der Mülleimer drei Meter hinter der Getränkeausgabe, das hat man nicht geschafft. Und da waren die Kinder, zwei oder drei, die diese Becher eingesammelt haben. Sie standen da, die Hand offen, und haben die Becher entgegengenommen und gestapelt. In der zweiten Runde hieß es dann „guck mal, ich hab schon sieben Stück!“, und der andere so „höhö, ich hab vierzehn!“ Am Ende war nur noch ein Junge übrig, die anderen beiden waren weg, die hat er abgehängt. Er stand aber immer noch da und hatte einen Stapel von fünfzig Bechern oder was, der kippte dauernd um, weil er ihn mit seinen kleinen Händen nicht festhalten konnte. Er hat aber noch immer versucht, eine Hand freizumachen und weitere Becher einzusammeln. Der war beschäftigt, der Junge, der war große Klasse.
Ein paar Leute stehen am Rand und feuern an. Unten bei den Hummerbuden ist eine Eisbude, da kommt man von oben runter, und genau an der Ecke sitzt der Eisbudenbesitzer mit so einer Klapperhand, die macht total viel Krach. Das ist super, man kommt um die Kurve und ist gleich mal taub auf dem rechten Ohr, weil es da so reinklappert. Nach dem Lauf bin ich auf dem Weg zur Fähre bei ihm vorbei und habe mir ein Eis geholt und gesagt, ich fand das total super, wie er da Krach gemacht hat – er konnte es gar nicht glauben, dass das wirklich hilft, er dachte, das stört nur, macht ihm aber trotzdem Spaß.

Hummerbuden

Helgoland ist vom Design her völlig absurd, eine einen Quadratkilometer große Insel mit solchen Höhenunterschieden. Es gibt nicht viele Wege auf der Insel, die man nicht abläuft. Trotzdem kann man es schaffen, sich zu verlaufen. Das Feld zieht sich sehr schnell auseinander, man ist stellenweise wirklich allein. Irgendwo im Gewerbegebiet biegt die Strecke relativ spontan rechts ab. Da war ich gerade so im Tran und habe an irgendwas anderes gedacht, es lief gerade ganz gut, und auf einmal stelle ich fest: da war doch eben noch jemand vor dir, wo ist denn der hin? Und habe mich panikartig umgeguckt und festgestellt, dass er schon am Ende des Wegs war, der da abbog. Das wäre beinahe schiefgegangen.

Plakette

Ich habe die faszinierendsten Leute getroffen. Auf der Fähre auf dem Hinweg saß ich neben einem, der sah schon so aus, und wir kamen ins Gespräch. Ich habe gesagt, dass es mein zweiter Marathon ist. Er machte seinen einundvierzigsten. Da wird man ganz bescheiden. Dabei macht er das auch erst seit ein paar Jahren und läuft sieben bis zehn Stück pro Jahr. Es gibt auch Leute, die machen jedes Wochenende was, das finde ich ein bisschen skurril. Aber Respekt.
Gesund ist das dann schon lange nicht mehr. Der Weltrekord im Guinnessbuch liegt bei einem, der ein komplettes Jahr lang jeden Tag einen Marathon gelaufen ist. 365 Stück in einem Jahr. Kann man machen. Aber die meisten machen eine überschaubare Zahl, maximal drei oder vier im Jahr.

Es gibt noch andere spannende Marathons. Das habe ich jetzt erst gesehen, was für skurrile Späße es noch alles gibt. Im Médoc in Südfrankreich zum Beispiel führt die Strecke durch zwanzig oder zweiundzwanzig Weingüter. Das ist auf jeden Fall sehenswert, das sind teilweise echte Schlösser. Teilweise machen sie auch die Streckenverpflegung, da gibt es dann unterwegs einen netten Rotwein statt Wasser, und die Leute laufen teilweise verkleidet. Auch da läuft man selten Bestzeiten, wie auf Helgoland. Die Videos, die man von dort sieht, vom Zieleinlauf, da habe ich wirklich Respekt. So würde ich keine hundert Meter weit kommen. Aber der Lauf ist verlockend, das wäre in der Tat noch mal ein Spaß. Und dann habe ich auf Helgoland von Senftenberg gehört. Den Lauf finde ich am beeindruckendsten von allen, der geht über 169 Runden in einer Halle über 250 Meter. Der Typ, der mir das erzählt hat, meinte, ab Runde 120 fängt man wirklich an zu überlegen, was das eigentlich soll. Danach ist man wahrscheinlich eine Woche dauergeschädigt. Sehr, sehr schön. Der wird es wohl nicht, aber Médoc ist schon verlockend.
Es gibt auch in Tangermünde einen schönen, am Elbdeich – da läuft man auf dem Deich einmal hin, einmal zurück. Auch ziemlich bescheuert, man hat ja genau die Hälfte dann Gegenwind und hofft nur, dass es die richtige Hälfte ist. Und es gibt welche unter Tage, das finde ich auch ziemlich verrückt. In alten Bergwerken oder Salzstöcken. Die sind meistens auch nicht so groß, da läuft man dann problemlos vierzig Runden in irgendeinem Bergwerk. Wie sie das mit der Luft machen, weiß ich nicht.
Das wäre so das, was mich vielleicht noch reizen würde, wenn es irgendwas Nettes ist. Aber um des Laufens Willen? Laufen kann man auch so. Wann ich wieder laufe, weiß ich nicht. Heute fühle ich mich erstaunlich gut. Aber wenn ich nachher im Zug sitze, bin ich wahrscheinlich hinterher unfähig auszusteigen.

Eigentlich bin ich relativ unsportlich. Ich bin wirklich ein Schreibtischtäter, ich sitze gern. Gern und viel. Als kleiner Junge habe ich mal Judo gemacht, wie man das so macht, aber dann lange Zeit gar nichts. Ich habe mal in Hamburg gewohnt, fast direkt an der Außenalster, auf der Uhlenhorst. Da habe ich ganz vorsichtig angefangen, aber nie im Leben eine Runde herumgeschafft. Vielleicht eine halbe. Ein Freund von mir, ein Leichtathlet, hat gesagt, jetzt laufen wir mal zusammen, ich nehm dich mit. Eine Runde. Das hieß für ihn, als er ankam, war er schon eine ordentliche Strecke gelaufen und wollte mit mir zusammen noch eine ganz entspannte Runde drehen. Dabei erzählte er die ganze Zeit und wartete immer auf Antworten, die ich japsenderweise gar nicht rausbekommen habe. Das war frustrierend.

Croissant

Als ich anfing, um die Alster zu laufen, bin ich von Uhlenhorst aus immer im Uhrzeigersinn gelaufen und habe an der amerikanischen Botschaft umgedreht. Das war nicht mal die Hälfte, und ich dachte, es ist die schönere Strecke. Und dann wieder zurück. Bis dieser Freund gesagt hat, wir laufen jetzt mal die ganze Runde, damit du das alles wertschätzen lernst, und auf der anderen Seite gebe ich dir ein Eis aus. Da habe ich diese Eisdiele erst gesehen, die ungefähr fünfhundert Meter hinter meinem üblichen Wendepunkt lag. Weiterlaufen bringt also schon was. Man bekommt so viel zurück! Und sei es nur ein richtig schönes Eis. Das hätte ich sonst nie gefunden.
Nach einer Weile ging es dann, ich bin die sieben, acht Kilometer um die Außenalster gelaufen, aber dann hat es mir auch gereicht. Mehr bin ich nie gelaufen.

Dann bin ich in die Südstaaten gezogen und habe das erstmal beibehalten. Mehr wurde es eigentlich erst nach der ersten Marathon-Anmeldung. Ich habe den Badenmarathon vorher schon einmal versucht und bin gescheitert. Da bin ich nach der Hälfte abgebogen, weil ich nicht trainiert hatte. Also, gar nicht. Ich habe es versucht: Völlig ohne Vorbereitung geht es nicht. Das haben erstaunlicherweise auch schon andere vor mir festgestellt.

Für mich ist der beste Moment nicht das Endorphingefühl danach, dieses legendäre, sagenumwobene Glücksgefühl nach dem Laufen, das habe ich nämlich nie. Es ist eher unterwegs, die Tiefenentspannung, die ungefähr ab Kilometer 12 oder 13 einsetzt. Die habe ich vorher nicht, vorher ist es ein Reinholpern, das ist eher unglücklich. Ich brauche so zwei, drei Kilometer, bis ich den Rhythmus habe. Aber dann wird es wirklich schön, wenn man ganz leer wird und einfach routiniert dahinläuft, das entspannt. Und dann kommt man nach Hause und kann die Geschichten, die man sich unterwegs überlegt hat, aufschreiben.
Dafür muss man natürlich auch nicht 42 km rennen. Das ist wirklich die Ausnahme, es ist eigentlich nur, weil es eine total bescheuerte Idee ist, auf dieser winzigen Insel im Kreis zu laufen. Da denke ich doch gleich: Herrlich, eine bescheuerte Idee, da mache ich natürlich mit. Wenn man nur am Schreibtisch sitzt, ist es ja öde.

Roland Jesse

»Weiterlaufen bringt also schon was. Man bekommt so viel zurück! Und sei es nur ein richtig schönes Eis.«

7 Kommentare

  1. Schöner Bericht! Habe ich mit Genuss gelesen. Weiter so!!

  2. Weißt du, dass es auch einen Magdeburg Marathon gibt? Durch den Herrenkrugpark, die Elbwiesen bis zum Wasserstraßenkreuz … Ich kenne das ja nur vom Fahrrad fahren, es ist aber eine wirklich wunderschöne Strecke. http://www.magdeburg-marathon.eu/index.php/der-lauf/strecken/marathon

    • Eine schöne Strecke, in der Tat. Und auch so ein überschaubares Teilnehmerfeld. Das könnte man doch glatt mal machen. Gute Idee. :)

  3. Hallo,

    toller Bericht, gerne gelesen. Ein Tipp noch: Schwarzwald Marathon in Bräunlingen. Die erste Hälfte geht es immer bergauf und die zweite dann (meistens) bergab. Wenig Läufer, viel Landschaft und eine großartige Stimmung!

    • Oh, vielen Dank für den Tipp. Zwanzig Kilometer bergauf zu laufen klingt ja auch herrlich verrückt. Ich merke mir das glatt mal vor.

      (Zum 47. Mal gibt’s das schon? Im heimeligen Schwarzwald ist wirklich alles etwas beständiger, was?)

  4. Mein lieber Schwede,
    schreiben kannst Du wirklich super…das Du auch noch so laufen kannst und so weit, hätte ich nicht gedacht…ist mir von früher nicht wirklich in Erinnerung geblieben.
    Ist sicher ein schöner Ausgleich und macht den Kopf mal leer…mal sehen wenn ich heute noch beim Sport finde…Schau
    Matze (aus der Käthe)

    • Don’t mention the Schulsport!

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