Ulrike Schimming, Literaturübersetzerin

Ulrike Schimming

Ich übersetze Texte, Bücher, Kinderbücher, Krimis, Comics aus dem Italienischen ins Deutsche. Das heißt, ich lese erstmal die Originaltexte auf Italienisch und mache mir Gedanken, wie man das auf Deutsch sagt. Dafür versuche ich mich immer an den klassischen Satz zu halten: So nah am Original wie nötig, und so frei wie möglich. In der Schule lernt man das erstmal umgekehrt: So wörtlich wie möglich, und nur so frei wie nötig, aber das ist beim literarischen Übersetzen nicht gefragt, weil man ja einen neuen Text schafft. Und der soll dann nicht mehr im Italienischen funktionieren, sondern im Deutschen. Das Deutsche hat allein von der Grammatik und von der Syntax her ganz andere Ansprüche als das Italienische. Was sich im Italienischen locker-flockig zusammenfügt – Bandwurmsätze und Einschübe und Gerundien und ganz viele Präpositionen – wenn man das eins zu eins nachbilden würde, wäre das im Deutschen wahrscheinlich kein lesbarer Text. Es gibt Kollegen, die sich ganz dicht an die Original-Syntax halten, aber ich finde, bei manchen Texten, gerade bei neueren, funktioniert das nicht immer. Da muss man sich schon überlegen, was man macht.

ABC

Manchmal muss man Sätze auseinanderreißen – wobei manche Kollegen auch sagen würden, das darf man nicht, aber ich finde, es muss im Deutschen lesbar sein, es muss spannend sein, und es darf den deutschen Leser nicht zum Stolpern bringen. Wir haben dafür das schöne Wort Wirkungsäquivalenz. Das heißt, der Text soll in der Übersetzung genau so wirken wie im Original.

Wenn Leute, die beide Sprachen können, meine Übersetzungen lesen, dann bricht mir immer der Schweiß aus, weil ich denke, jetzt finden sie all die Fehler, die ich übersehen habe, oder finden bessere Lösungen … aber jede Übersetzung ist ja nur ein Zwischending, eine Momentaufnahme, ein Serviervorschlag, eine von unzähligen Möglichkeiten. Frag drei Leute, und du bekommst fünf Antworten. So ist es auch beim Übersetzen. Da hat man einen Satz und denkt, man kennt die Vokabeln, und dann gibt man ihn drei anderen Kollegen und kommt zusammen auf zehn verschiedene Varianten. Die größte Aufgabe ist fast immer: sich zu entscheiden. Das Selbstbewusstsein zu haben, sich für eine Variante zu entscheiden. Das ist eigentlich das Wichtigste.

Kuchen

Nach welchen Kriterien ich diese Entscheidungen treffe, kommt immer auf das Buch an. Es gibt keine allgemeingültigen Kriterien, nach denen es immer funktioniert, ich muss immer gucken, in welchem Kontext es im Buch steht. Der Kontext ist das Hauptkriterium. Ist es ein Kinderbuch, ist es ein Comic? Beim Comic habe ich zum Beispiel wenig Platz, da kann ich lange Sätze gar nicht in die Sprechblase reinbauen, da muss ich den radikal kürzen. Oder in einem historischen Roman sind zum Beispiel Sachen drin, die ich heutzutage viel krasser oder viel kürzer ausgedrückt hätte, aber die dann ein bisschen blumig bleiben, weil es eben historisch ist. Man muss ein Gefühl dafür haben, was im Buch passend ist, oder was zum Autor passt. Was zum Stil des Autors passt, auch wenn es manchmal schwierig ist, das nachzubilden.

Ich übersetze gerne erzählende Bücher, ich mag die Belletristik schon sehr. Mit Erwachsenenbüchern habe ich noch nicht so viel Erfahrung, weil ich mit Kinder- und Jugendbüchern angefangen habe, und dann steckt man schnell in einer Schublade. Dann macht man erstmal jahrelang Kinder- und Jugendbücher. Die sind nicht weniger anspruchsvoll als Belletristik für Erwachsene, sie sind nur anders.

Post-it

Am Anfang gab es eine Durststrecke, das erste Buch habe ich vor fünfzehn, sechzehn Jahren übersetzt, dann kam zwei Jahre gar nichts, dann kam wieder was. Das zieht sich. Dann fängt man andere Jobs an, um Geld zu verdienen, und arrangiert sich und ist froh, dass das verbindende Element all dieser Jobs Textarbeiten sind. Dadurch erweitert man seinen Horizont und seine Erfahrungen, man lernt, am Text zu arbeiten. Selbst so andere Sachen wie Journalismus helfen dann beim Übersetzen, weil man lernt, wie man geschmeidige Sätze macht.

Jetzt, nach fünfzehn Jahren, möchte ich meine ersten Übersetzungen lieber nicht mehr angucken, weil ich heute wahrscheinlich komplett anders schreiben würde, weil man einfach mehr Erfahrung hat mit erweiterten Infinitiven, zum Beispiel, die man lieber sein lassen sollte. Im Kinderbuch jedenfalls. Und dann kommen die Relativsätze. Adjektive … das ist im Kinder- und Jugendbuch anders als im Erwachsenenbereich, weil die Kinder anders lesen.

Neulich habe ich die Fahne von einer Übersetzung gelesen, die ich im Januar abgegeben habe, und zwischendurch habe ich ein Seminar zum Romanschreiben besucht. Und stellte fest: Gott, sind da noch viele Adjektive drin! Warum hat die Lektorin die nicht rausgestrichen! Nö, die hat sie schön dringelassen. Ist ja ein Jugendbuch. An den Stellen, wo ich noch eine Zeile einkürzen musste, habe ich dann Adjektive rausgeworfen.

Post-its

Ich habe bestimmt einen eigenen Stil. Manchmal denke ich: kann ich eigentlich den Stil eines anderen so nachbauen, wie man es sollte? Oder ist es dann doch zu sehr meins? Ich liebe ja kurze Sätze. Und das mache ich dann manchmal auch mit italienischen Sätzen, wo sehr viele Nebensätze aneinandergereiht sind, die man gut zu einzelnen Hauptsätzen machen kann. Das wäre dann vielleicht mein Stil. Aber ansonsten ist der Anspruch natürlich, den Stil des Autors nachzuempfinden.

Bei den Jugendbüchern ist es oft so, dass die nicht unbedingt alle einen eigenen, besonders ausgefeilten Stil haben. Zum Teil sind das auch sehr jugendliche Schreiber, die noch nicht viel Erfahrung haben, aber der deutsche Verlag möchte natürlich dennoch ein lesbares Buch haben. Und dann kann ich die Texte der Italiener nicht einfach eins zu eins übersetzen, das wäre schlechtes Handwerk. Es ist schwierig, in Deutschland wird immer zwischen Unterhaltungsliteratur und E-Literatur unterschieden. Und bei E-Literatur würden sie mich alle kreuzigen, wenn ich sagen würde, ich verändere die Texte des Autors so, dass sie besser lesbar sind.

Ulrike Schimming

Spannend ist es jetzt mit Renata Viganòs Roman »Agnese geht in den Tod«. Das ist eine Neubearbeitung, ich habe das Buch nicht selbst neu übersetzt, sondern es gab eine Übersetzung aus der DDR, die 1951 zum ersten Mal bei Volk und Welt erschienen ist. 1959 wurde die Übersetzung noch mal überarbeitet und kam in der zweiten Auflage in der DDR. Und dann gab es das Buch gar nicht mehr. Ich habe es 1992 im Studium zum ersten Mal gelesen und wollte eigentlich meine Magisterarbeit darüber schreiben. Mein Prof. fand das aber nicht so toll, er kannte das Buch gar nicht.

Vigano

Es ist die Geschichte einer alten Wäscherin, die zu den Partisanen geht. Es handelt vom zweiten Weltkrieg, den Deutschen, der Wehrmacht in Italien und den Deutsch-Italienischen Beziehungen. Das finde ich immer wichtig. Deswegen hatte ich das immer im Hinterkopf. Irgendwann tauchte der kleine Verlag editionfünf auf, und denen habe ich es vorgeschlagen. Es war dann eine Frage des Geldes, das nicht neu zu übersetzen, sondern die alte Übersetzung zu überarbeiten. Ich hatte die 59er Variante als Grundlage, an der ich dann herumgefeilt habe. Und ich habe immer wieder ins Original geguckt und gesehen, welche Satzteile sie weggelassen haben. Da sind zum Beispiel politische Halbsätze rausgefallen, in der DDR war es halt nicht erwünscht, von einer „freien Regierung“ zu reden. Man muss sich dann bei der Arbeit natürlich ein bisschen bremsen, um es nicht gleich neu zu übersetzen. Gefühlt habe ich jeden Satz angefasst. Aber es bleiben natürlich die Varianten stehen, die die Vorübersetzerin reingeschrieben hat. Es gibt aber auch Sätze, bei denen ich tatsächlich auf dieselbe Lösung gekommen wäre.

Das war ein Herzensprojekt. Ich habe es zwanzig Jahre mit mir herumgetragen und wollte das unbedingt machen. Zum Geldverdienen macht man sowas allerdings nicht.

Rodari

Hier ist ein anderes Herzensprojekt von mir: „Gutenachtgeschichten am Telefon“ von Gianni Rodari. Ich mache gerne tote Autoren, Klassiker. Viganò ist ja tot, seit 76, und Rodari ist auch schon tot. Er hat Kurzgeschichten geschrieben, und zwar sehr sprachspielerische. In diesem Band sind jetzt zum ersten Mal alle siebzig komplett übersetzt worden. Es gab vorher schon andere Ausgaben, auch eine DDR-Ausgabe, eine Wagenbach-Ausgabe, noch irgendeine, wo immer ein paar Geschichten fehlten, weil sie sprachspielerisch sehr anspruchsvoll sind. In einer geht es zum Beispiel um ein verschobenes Apostroph, das in einem Satz komplett die Bedeutung verändert, das geht im Deutschen so nicht. Wir haben kein Apostroph, das durch Verschiebung den Satz ins Gegenteil oder ins Negative verkehrt. Das sind oft vermeintlich einfache Texte, die man gut Kindern vorlesen kann, aber da waren so zwei-drei Geschichten dabei, wo ich wirklich ein bisschen länger gebraucht habe, bis ich eine Idee hatte, wie man das lösen kann. Erst denkt man darüber nach, wie man ein Apostroph verschieben kann, aber das geht eben nicht. Dann kommt man irgendwann drauf, vielleicht einen Buchstaben zu verschieben. Und dann fängt es an zu rattern. Die Lösung fiel mir dann ein, als ich im Theater saß und gerade der Vorhang hochging, total unpassender Moment, aber das musste ich dann noch schnell aufschreiben.

Gandolfi

Rettende Ideen kommen irgendwie angeflogen. Beim Spaziergang, unter der Dusche, im Theater, wo auch immer. Man übersetzt nicht nur am Schreibtisch, man übersetzt tatsächlich überall, wo man geht und steht und guckt und Sachen liest und Sachen sieht und seine Umgebung wahrnimmt. Man sieht neue Namensschildchen und Geschäfte und all sowas. Und plötzlich kommen die Ideen für Texte. Von überall.

In solchen Fällen kommt man relativ nah ans Selbstschreiben ran, dieses Buch war wirklich eine kreative Herausforderung. Wie bringt man diese Geschichten ins Deutsche? Das Interessante ist jetzt, dass ich neulich von der VG Wort wieder eine Nachricht bekommen habe, dass das nächste Schulbuch eine Geschichte daraus abdruckt. Es sind jetzt mindestens schon vier oder fünf dieser Geschichten in meiner Übersetzung in Schulbüchern abgedruckt.

Tippeditipp

Vor dem Studium habe ich eine Ausbildung zur Schifffahrtskauffrau gemacht und war da nicht glücklich. Deswegen wollte ich noch was anderes machen. Ich habe dann Italienisch und Germanistik studiert, und dann kam noch Philosophie dazu, weil ich da auf dem Trip war. Ein Zweck war dabei noch nicht zu erkennen. Deswegen habe ich nach dem Magister erstmal eine Dissertation angeschlossen, aber mit einem eher abseitigen Thema. Da ging es um italienische Fotoromane. Ich wollte was mit Philosophie und mit Frauenliteratur und mit … ja, nicht Trash, aber halt so Heftchenromanen, Unterhaltungsliteratur. Ein bisschen eine schräge Nummer, bei der man nicht recht weiß, was das soll.

Schneekugel

Damals hat mir eine Freundin ein italienisches Kinderbuch in die Hand gedrückt und gesagt: lies mal und berichte mir, wie du es findest. Das habe ich dann gemacht, und sie sagte, schreib mal ein Gutachten. Ich habe mich wahnsinnig gefreut, yeah, ein Gutachten! Ein tolles Buch, guck mal, ich hab hier auch schon mal die erste Seite übersetzt – und das wurde dann meine erste Übersetzung. Das war total cool.

Und dann dachte ich: Wow, jetzt habe ich einen Beruf! Jetzt weiß ich, was ich werden will! Mit dreißig! Da wurde mir zum ersten Mal klar: Es gibt einen Beruf, und es gibt Berufung. Vielleicht ist das hier meine Berufung. Das hat sich dann aber schnell erledigt, als das erste Buch draußen war, denn dann … kam nichts. Es kam nichts und kam nichts, und ich wusste nicht, wie ich das jetzt machen soll. Ich habe versucht, Akquise zu machen, wie man das Ende der Neunziger noch machte: man schrieb Briefe. An die Verlage. Und hörte mal was, und hörte meistens nichts, und hörte dann mal „ja, wir haben Sie in unsere Kartei aufgenommen“. Ich bin in ganz vielen Verlagen eine Karteileiche. Die gucken nie im Leben in diese Karteien, schon gar nicht in die von Anno Dunnemals.

Bücher

Wenn der deutsche Verlag die Rechte an einem Buch gekauft hat, dann vergibt er die Übersetzung. Meistens haben sie ihre Lieblinge – oder sagen wir, sie haben gepflegte Kontakte, bei denen sie wissen, was für eine Qualität sie kriegen, und die fragen sie an. Dann kann der Übersetzer, oder er kann nicht, und wenn er nicht kann, wird weitergesucht. Manchmal geht auch was über unsere Mailingliste, dann wird es unter den Übersetzern weitergegeben, aber das ist nicht die Regel. Manche Kollegen haben auch Scheu, den Verlagen jemanden zu empfehlen. Ich hatte das Glück, dass diese Freundin die Verlage gewechselt und mir immer mal wieder was angetragen hat. Irgendwann, nachdem ich ein paar Übersetzungen vorweisen konnte, eine Webseite eingerichtet und Kontakte geknüpft hatte, hat es sich dann gedreht, und die ersten Verlage haben bei mir angerufen.

Comic

Ansonsten habe ich weiter versucht, Akquise zu machen und gemerkt, mit Übersetzen kann man kein Geld verdienen. Davon kann man nicht leben. Irgendjemand sagte mir dann auf einer Party: Du musst Dokumentation machen. Das war eigentlich skurril, denn da hatte ich meine Dissertation fertiggemacht und rief dann die vier Dokumentationen hier in Hamburg an – NDR, Spiegel, Stern und noch irgendwas. Weiß ich schon nicht mehr. Und alle sagten, nee, wir haben keine Stelle frei. Nur die Textdokumentation von Gruner und Jahr sagte, uns ist gerade ein Praktikant abgesprungen, wollen Sie?

Italien

Dokumentation bzw. Verifikation bedeutet, journalistische Texten daraufhin zu überprüfen, ob die Fakten alle stimmen. Ob alle Namen richtig geschrieben sind, alle Zahlen stimmen, Bezüge korrekt sind. Und dann habe ich dieses Praktikum gemacht. Alle haben mich gefragt, ob ich völlig meschugge bin, als promovierte Dreißigjährige noch ein Praktikum für 500,- DM zu machen. Die „Generation Praktikum“, das habe ich erfunden. Aber ich habe es nicht bereut, denn dadurch sind Kontakte zu anderen Kollegen entstanden.

 

Seitdem fahre ich zweigleisig. Ich habe diesen Journalistenjob, der das Geld bringt, und mache damit meine Mischkalkulation für solche Sachen wie die Viganò, die dafür mehr Spaß machen und etwas völlig anderes sind. Ich verstehe das auch so, dass ich bei allem unglaublich viel dazulerne. Jetzt bin ich bei stern Gesund leben, und weiß genau, was ich alles nicht essen sollte. Und ich denke immer wieder, was habe ich für einen genialen Job! Dadurch, dass es alles Arbeit mit Texten ist, konnte immer alles voneinander profitieren. Und dann fing ich an, mich weiterzubilden, mit Journalistenworkshops und Übersetzerseminaren und Romancoaching, und jedes Mal lerne ich wieder dazu, wie man Texte besser macht.

Presse

Nach der Übersetzung kommt das Lektorat. Da lernt man auch immer noch was. Wir Übersetzer sind ja so dicht am Text, dass man manchmal gar nichts mehr sieht. Da bräuchte man mal ein bisschen Abstand vom Text, aber die Zeit hat keiner mehr. Am besten wäre es, die Sachen ein halbes Jahr liegenzulassen und dann noch mal draufzugucken. Letztes Jahr im Winter musste ich drei Bücher auf einmal machen, innerhalb von drei Monaten. Da muss man gucken, welches man zuerst macht, da ist keine Zeit, sie ein bisschen liegenzulassen. Die Abgabetermine waren so eng getaktet, alle zwei Wochen. Da muss man sich disziplinieren. Dann sitze ich morgens um halb neun am Schreibtisch und haue quasi im Akkord in die Tasten.

Trotzdem überarbeitet man den Text natürlich, ein bis … fünf Mal, je nachdem, wie viel Zeit man hat und wie viel Muße, wie viel Angst, wie viel Wichtigkeit man dem Buch beimisst. Dann schickt man es an den Verlag, wo ein Lektor es korrigiert, redigiert, nicht nur die Tippfehler rausnimmt. Die Tippfehler sind der nächste Schritt, das Korrektorat. Beim Übersetzungslektorat sollte man auch noch mal gucken, ob alle Absätze aus dem Italienischen auch wirklich übersetzt wurden, oder ob der Übersetzer einen Satz übersehen hat, oder einen ganzen Absatz. Das passiert! Andererseits tut es dem Lektorat auch gut, wenn die Lektorin das Original nicht danebenliegen hat, sondern nur guckt, ob es ein guter deutscher Text ist. Ich lektoriere auch manchmal, da vergleiche ich dann nicht alles Satz für Satz, aber man bekommt ein Gespür für vergessene Sätze oder dafür, dass irgendwas nicht stimmt. Dann erst gucke ich ins Original und stelle fest, was da passiert ist.

Tasse

Irgendwann bekommt man aus dem Verlag – meistens ohne Ankündigung – die Fahnen. Eigentlich sollte man erst die Korrekturen bekommen, aber oft passiert das nicht. Die Fahne muss schnell angeguckt werden, am besten gestern. Die meisten Lektoren haben nicht mehr die Zeit, noch mal zu telefonieren und die Korrekturen durchzusprechen. Zeit gibt es nicht mehr.

Für den Übersetzer ist die Sache durch, wenn er die Fahne gelesen hat. Dann kommt, meist Monate später, irgendwann das gedruckte Buch. Das ist immer ein sehr schöner Moment. Wenn man es in der Hand hält und es einfach schön ist. Schön ist es natürlich auch, wenn mal etwas rezensiert wird, wo man mal gesehen wird in der Öffentlichkeit, aber das ist bei Übersetzern schwierig, man wird kaum wahrgenommen. Wir werden nicht auf dem Titel genannt. Und wenn es Print-Rezensionen gibt, dann ist meistens „kein Platz“, um den Übersetzer zu nennen.

Mir machen einfach die Geschichten Spaß. Ich habe ja nicht umsonst Literatur studiert. Da kann man so richtig in eine Welt eintauchen. Beim Übersetzen kann ich ganz direkt an dieser Welt mitarbeiten und sie aus einer Sprache in eine andere bringen, damit andere diese Welt auch erleben können. Das ist toll, denn ich darf bestimmen, welche Worte ich dafür wähle! Da freue ich mich doch: wenn ich es nicht schaffe, ein eigenes Buch zu schreiben, dann nehme ich doch wenigstens die Vorlage und tobe da meine Kreativität aus.

Tinte

Das ist mein Ding: Bücher schreiben, beziehungsweise eben übersetzen, Geschichten erzählen. Das macht Spaß. Eigentlich wünscht man sich als Übersetzer für jedes Buch, dass es ein Bestseller wird. Was aber meist nicht der Fall ist.

Seit drei Jahren schreibe ich auch ein Bücherblog. Es entstand, als ich für die Stern-Jugendzeitung Yuno die Buchtipps gemacht habe. Yuno ist längst eingestellt worden, aber ich hatte immer noch die Kontakte zu den Pressedamen in den Verlagen. Und so hatte ich immer einen Haufen schöne Bücher hier und konnte sie nicht unterbringen. Also dachte ich, wenn ich sie schon nicht für Geld irgendwo unterbringen kann, dann wenigstens ohne Geld für mich. Und so ein Blog ist Arbeit am Image, woran man als Freiberuflerin heutzutage nicht mehr vorbeikommt.

Ulrike Schimming

»Jede Übersetzung ist ja nur ein Zwischending, eine Momentaufnahme, ein Serviervorschlag, eine von unzähligen Möglichkeiten.«

Links:
Ulrike Schimmings Webseite.
Und ihr Blog.

3 Kommentare

  1. wunderbar zu lesen, merci.

  2. Boah. Toll! Alles.

  3. BRAVA

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  1. Was machen die da? Ulrike Schimming - […] freu mich ja immer, wenn es anderen auch so ergeht wie mir. Ulrike war sicher deutlich interessierter an ihrem…
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