Heiko Wohlgemuth, Theaterautor und Schauspieler

Ich habe ganz viele Standbeine. Ich mache Musicalübersetzungen und spiele Grobi in der Sesamstraße und schreibe Stücke fürs Schmidt-Theater. Und ich spiele auch selbst. Eigentlich mache ich alles, aber nichts richtig. Wenn mich einer fragt, was kannst du?, sage ich: weiß ich nicht, mal sehen.

Heiko Wohlgemuth

Ich habe eine ganz traditionelle Schauspielausbildung gemacht und bin darüber ans Singen gekommen. So bin ich irgendwie im Musical gelandet. Ich spiele die »Heiße Ecke« und »Die Königs vom Kiez« und so. Zuerst habe ich zwei Jahre richtig klassisch Staatstheater in Osnabrück und Celle gespielt, und dann wusste ich, dass ich das nicht will. Drei Stücke spielen und das vierte probieren und nicht mehr wissen, ob draußen Sommer oder Winter ist, das ist irgendwie unbefriedigend.

Über einen Schauspiellehrer kam ich dann ans Schmidt-Theater, der hat mich damals hier vorgeschlagen für »Pension Schmidt« – eine fortlaufende Soap Opera, noch im alten Schmidt-Theater. Da musste man viel improvisieren, und das war mir sehr nah. Man konnte spaßig sein, da war Mitmachen, Selberanpacken, Mitdenken gefragt. Wir haben über die Improvisation Stücke entwickelt, und irgendwann hat man das dann halt auf Papier festgehalten. Später hieß es: fürs große Haus fehlt ein Stück. Damals gab es eine Texterin, Edith Jeske, eine der großen deutschen Texterinnen, sie macht viel Schlager und Chansons und sowas. »Rinnsteinprinzessin« kennt man vielleicht. Sie hat damals die Texte geschrieben und hat zu mir gesagt: du kannst das doch! Trau dich mal, mach mal, mach einen Song, und dann setze ich mich mit dir hin. So hat sie mich in die Texterecke gezogen.

Theater

Als ich hier ans Theater kam, hieß es von Anfang an: Was kannst du, wo hast du Bock drauf? Man durfte sich einfach austoben. Nur die anderen Kollegen von draußen haben erstmal gesagt, jetzt bist du da in dieser schwulen Mischpoke gelandet, verschmidtest du jetzt total? Für viele ist das hier Bumsschuppenentertainment. Ich habe aber kein Problem damit zu unterhalten. Wir haben hier auch Sachen wie »Elling« und »Swinging St. Pauli« gespielt, und das mit Erfolg. Ich finde das nicht ehrenrührig. Im Gegenteil, es punkt mich eher an, wenn ich im Thalia Theater sitze, die machen jetzt gerade Moby Dick zum Beispiel – da denke ich ja, super, was die handwerklich machen, und auch wie sie die Story erzählen, total gut, aber sobald die Leute anfangen einzupennen, greifen sie in die noch tiefere Schublade als wir.

Theater

Irgendwann habe ich mir eine Puppe gebaut, einen Pitbull. In der »Pension Schmidt« waren die ganzen stereotypen St. Pauli-Typen drin, und was noch fehlte, war ein Tier. Damals war gerade das Kampfhundethema ganz groß. Dann habe ich das also gemacht. Darüber habe ich dann ein bisschen Stand-up Comedy gemacht, und bin damit einmal durch die Republik getourt, weil ich mir beweisen wollte, dass ich das kann. Und eigentlich … nachdem ich den Abend einmal gestemmt hatte, allein, war klar, okay, kann ich, ist langweilig. Mir fehlte dabei etwas.

Theater

Ich mache ganz viel mit Martin Lingnau zusammen, der hier der Haus- und Hofkomponist ist. Auch für andere Firmen, wir haben zum Beispiel die Bühnenfassung vom »Schuh des Manitu« in Berlin gemacht. Übers Texten bin ich dann auch an Übersetzungen rangekommen, »Sister Act« habe ich gemacht und »Legally Blonde« und »Hairspray« … aber dabei sitze ich zu Hause, fresse mir die Nägel ab und reihe Buchstaben aneinander. Ich liebe das sehr, aber das kann ich nur eine bestimmte Zeit lang machen, dann muss ich wieder raus.

Schmidt

Beim Musicalübersetzen müssen natürlich auch Rhythmus und Reim stimmen, und dann geht es hinterher auch noch zu den amerikanischen Rechteinhabern und die sagen: Das ist ja ganz anders! Naja, ich muss mich halt an ein Versmaß halten und die Betonung einhalten, sonst klingt es scheiße. Und dann gibt es immer eine Rückübersetzung … die Übersetzung ins Deutsche verändert sich natürlich, und wenn es dann nochmal rückübersetzt wird, damit sie den Inhalt überprüfen können, dann wird es natürlich ganz komisch.

Oder man entwickelt eine Produktion mit einem Millionenbudget für einen großen Produzenten und denkt, die kaufen sich die besten Kreativen ein, Setdesigner, Musical Supervisor und Komponisten und weißnichtwas, jetzt geht’s ab! Aber dann lassen sie die Leute irgendwie nicht so von der Leine wir hier im Schmidt. Klar, das muss auch so sein. Das sind natürlich völlig andere Produktionsabläufe und eine größere Verantwortung, aber da muss man sich dann drauf einstellen. Ich bin halt mehr der »Da ist Euer Arbeitszimmer, da sind die Drinks, da ist das Gras, habt ne nette Zeit und schreibt was richtig Schönes«-Typ.

Technik

Einmal habe ich tatsächlich einen Nachmittag damit verbracht, mit einer Producerin durch ein Buch zu gehen und ihr zu erklären, warum die Witze witzig sind. Da fängst du echt an mit: Das ist ein absurder Gag, das ist ein physischer Gag, hier haben wir die Regel der drei: zwei Sätze Aufbau, dann die Pointe. Warum steht der Satz nicht so rum? Na ja, wenn das witzige Wort vorne steht, fangen die Leute an zu lachen, und man hört den Rest des Satzes nicht. Warum können die Pointen nicht schneller folgen? Weil die Leute noch klatschen und man in den Applaus labern würde … und da erkennt man dann, das man in den Jahren auf dem Kiez doch was gelernt hat.

Hier hingegen kommt man rein, und fünf Leute spielen eine Wand. Yeah! Hier läuft es eher so, das einer sagt, weißte was, ich zieh heute mal die Hose verkehrtrum an. Und alle sagen, du hast ja einen Schatten. Aber es wird ausprobiert, und es ist wahnsinnig lustig, und dann sagen vielleicht alle, okay, das bleibt jetzt drin. So ist das hier. Oder man sagt: Nänänä, hat wohl nicht funktioniert.

Sitzreihen

Bei den Proben ist das erstmal alles sehr lässig, aber jetzt beim »Kleinen Störtebeker« zum Beispiel ist dann am Ende doch alles durchgeplant, die haben da eine ganz konzentrierte, pingelig genaue Abfolge. Die Schauspieler sprechen rhythmisch, sie atmen sogar gemeinsam. Wir haben da kein Bühnenbild, nur ein paar Kisten und eine Leiter und ein Segel und ein bisschen Tüdelkram.

Theater

Vor ein paar Jahren gab es in einem anderen Hamburger Theater »Hänsel und Gretel«, da war alles wie in den fünfziger Jahren, alles so hüschipüschi und Kinder nicht ernst nehmen. Oft gibt es so eine Haltung »für Kinder reicht’s immer«. Ich empfinde das nicht so. Ich habe selber Kinder. Theater muss für alle Spaß machen. Ich werde nicht vergessen, ich saß mal im Thalia, da lief »Kabale und Liebe«, was ich in- und auswendig kannte, weil es Stoff in der Schauspielschule war, und neben mir saß ein Punk im Oberrang. Wir beide ganz oben, weil wir keine Kohle hatten. Nach dreißig Minuten war der Punk weg, und ich dachte: ja, klar, überhaupt keine Chance, irgendwo einzusteigen, selbst wenn du dich interessierst. Und unten sitzen die Abonnenten, die das Reclamheft zu Hause noch mal gelesen haben und schreien »bravo«, weil sie ihren Intellekt gepinselt fühlen. Da habe ich keinen Bock drauf. Ich finde, Theater sollte was für jeden sein.

Proben

Man kann die Leute da abholen, wo sie sind, und dann kann man sie überall hinbringen. Mir ist wichtig, dass man niemanden ausschließt, und dass man sich lieber unter Niveau amüsiert, als sich über Niveau zu langweilen, um mit Heinz Schenk zu sprechen.

Theater

Christian Berg hat vor einigen Jahren damit angefangen, hier Kinderstücke zu machen, da waren Martin und ich noch nicht dabei. Dann ist er weggegangen, und es hieß, was machen wir jetzt damit? Da haben wir beide laut »Hier!« geschrien, »Machen wir!« Als erstes haben wir den »Hotzenplotz« gemacht, wo es mit den Rechten nicht so einfach war, denn da lebte Preußler noch und hatte nicht wirklich Lust auf ein Musical. Er konnte sich das nicht recht vorstellen. Wir hatten aber einen guten Kontakt zum Verlag für Kindertheater. Wir haben dann drei Demo-Songs gemacht und damit erklärt, was wir genau vorhatten, und es über den Verlag an ihn weitergeleitet, und da sagte Preußler – er hat das damals selbst noch gehört, kurz danach ist er dann gestorben – da sagte er ja, das dürft ihr machen, ist okay.

Hotzenplotz

Wir haben also erstmal etwas genommen, was schon bekannt war, weil man dann zumindest darüber Leute reinkriegt, dass sie den Titel schon kennen. Das wollten wir zwei-drei Jahre lang machen, und dann wirklich eigene Sachen machen. Und irgendwie lief der »Hotzenplotz« so gut, dass wir gleich im nächsten Jahr »Sieben auf einen Streich« nachgeschoben haben. Da haben wir uns noch ein bisschen mehr getraut, und das ist so gut gelaufen, dass wir es zwei Jahre gespielt haben. Und jetzt musste was ganz Neues her.

Unser Anspruch ist immer, ein wirklich übergreifendes Ding zu machen, das niemanden ausschließt. Die Elemente, die bei »Sieben auf einen Streich« funktioniert haben, die haben wir beibehalten, aber wir wollten eine ganz andere Geschichte erzählen, ein ganz anderes Genre machen. Wir hatten irgendwann schon mal eine Idee gehabt, im Tivoli etwas mit Piraten zu machen, vielleicht eine Störtebekergeschichte. Und ich dachte, hmmm, schwule Piraten, muss nicht unbedingt sein. Aber es gab diesen Ordner mit den Ideen immer noch.

Heiko Wohlgemuth

Dann habe ich in New York eine Show gesehen, die die Vorgeschichte von »Peter Pan« erzählt. Und es gibt dieses Musical »Wicked«, das erzählt die Vorgeschichte von »Der Zauberer von Oz«. Und bei Star Wars gab es auch die nachgelegte Vorgeschichte – Prequels sind irgendwie gerade so ein Ding.

Mir gefiel dieses Stück gut, und ich dachte, vielleicht können wir auch einmal die Vorgeschichte von irgendwas erzählen. Dann sollte es aber nach Möglichkeit irgendeinen regionalen Bezug haben. Also: Hamburg, eine Vorgeschichte, und dann blinkte auf einmal dieser Ordner vor meinem geistigen Auge auf, und es machte *klick*, und da vernetzten sich zwei Ideen: Du nimmst eine bekannte Hamburger Figur, den Piraten Störtebeker, und erzählst die Vorgeschichte dazu. In dem Moment machte es *rumms* in meinem Kopf: Was willst du? Du willst ein starkes Mädchen haben. Was für Figuren brauchst du sonst noch? Und dann ist das echt, als ob sich was auf deinen Kopf setzt und dann pumpt das da rein. Ich bin von Klagenfurt nach Hamburg geflogen, weiß ich noch, und ich habe es mit der U3 bis St. Pauli geschafft, ich wohne da vorne in der Friedrichstraße, aber ich bin nicht mehr bis dahin gekommen, weil ich dachte, wenn ich das jetzt nicht sofort in meine Kladde kliere, den ersten groben Bogen, dann komme ich da nicht mehr ran, das musste irgendwie sofort raus. Natürlich ruckelt und wackelt es dann noch. Dann muss ich immer mit einem Haufen Leute quatschen und alles hin- und herwerfen, wie findest du denn dies und das, und wann sollte man denn, und singt das überhaupt, kann man das mit Musik erzählen? Und dann wird es immer deutlicher.

Heiko Wohlgemuth

Wenn wir die Lieder schreiben … man wird ja immer gefragt, was zuerst da ist, Musik oder Text. Wir arbeiten in beide Richtungen gleichzeitig. Manchmal sagt Martin, oh, ich höre da gleich so eine geile Jahrmarktsmusik, ich mache mal. Oder ich habe einen Satz wie: »Oh, die Krankheit ist gemein, die da heißt Erwachsensein«, und dann kommt er dazu und vertont es.

Martin und ich sehen uns viel zu selten. Wenn wir aber mal zusammen am Klavier sitzen, geht es meistens richtig schnell. Sonst machen wir alles über Aufnahmen und Mails. Es ist immer super, wenn wir uns treffen. Aber die Tage, wo wir einfach mal gemeinsam auf der Wiese sitzen, die sind einfach zu selten. Im Moment komponiert er gerade das Wunder von Bern, beziehungsweise das kommt jetzt im November raus.

Unsere beiden ersten Kinderstücke waren schöne Erfolge. Was auch am Ensemble liegt. Wir arbeiten hier so: was nicht funktioniert, wird so lange repariert, bis es klappt. Oder es fliegt raus. Das ist ein guter Haufen.

Schuh

Im »Kleinen Störtebeker« erzählen wir viel. Die Schauspieler sind alle gleichzeitig Erzähler, manchmal erzählen sie in der Gruppe, dann steigen sie aus und spielen, das Licht ändert sich, man erzählt kurz zwei Sätze, springt wieder rein in die Szene. Das war bei »Sieben auf einen Streich« auch schon gut zu sehen, dass die Kinder da total gut mitkommen. Dass sie genau wissen, wo die Handlung langläuft, und dass sie eben nicht alles ausformuliert und vorgekaut und jedes Kostüm ausformuliert haben müssen, und jedes Hexenhaus muss auch aussehen wie ein Hexenhaus. Wenn man sich einen roten Bademantel anzieht und sich einen Dalmatiner um den Hals bindet, kann das auch aussehen wie ein Hermelinmantel. Da sind sie Kinder sofort dabei.
Und dann wollen wir natürlich auch selber unseren Spaß haben. Deswegen wird dann plötzlich der Satz vor dem Zauberspiegel im Märchen zu »Spiegelleser wissen mehr«. Sowas kommt dann auch aus dem Ensemble, das entsteht spontan und bleibt drin.

Heiko Wohlgemuth

Es ist dann nicht so, dass man sich mal nachmittags die Enkel schnappt und mit ihnen ins Kindertheater geht, weil man das eben so macht, sondern Oma und Enkel sind tatsächlich zusammen da, weil es allen Spaß macht. Das war schon beim »Hotzenplotz« so, und bei »Sieben auf einen Streich« habe ich sehr häufig gehört, dass Leute tatsächlich angerufen haben, ob sie auch ohne Kinder kommen dürfen oder ob sie sich Kinder ausleihen müssen. Sie dürfen natürlich auch ohne kommen! Das ist eben das, was wir gerne möchten: Dass alle gemeinsam Spaß haben. Ich zitiere immer gern Jim Henson mit der Sesamstraße, der hat das damals genauso gemacht. Er hat immer gesagt: Was bringt mir das, wenn ich belehrendes Fernsehen für Kinder mache, aber keinen Erwachsenen vor die Glotze kriege, dem sie nachher Fragen stellen können? »Wie rum malt man nochmal das B?« Wenn ich versuche, Kindern, die es nicht so einfach haben, etwas beizubringen, brauche ich die Erwachsenen auch. Deswegen hat er es so angelegt, dass es beide anspricht. Und so mache ich das auch.

Seit Anfang des Jahres darf ich den Grobi in der deutschen Sesamstraße spielen! Aber das war auch so ein Ding, wie ich dazu gekommen bin! Kannst Du Puppenspielen?, hieß es plötzlich. Ich habe das als Kind mit Marionetten und so gemacht, und hatte dann irgendwann diese Handpuppe für die »Pension Schmidt«, und dann hieß es dann plötzlich, du kannst doch auch Puppe. Dann haben wir »Villa Sonnenschein« gemacht, das wird mit Puppen gespielt, und irgendwann kam die Sesamstraße an und sagte, wir haben einen Außendreh, wir brauchen wahnsinnig viele Handspieler und Puppenspieler, kommt doch mal. Und dann landet man da irgendwie in der Kartei, und irgendwann klingelt das Telefon: Du stehst hier bei uns in der Kartei, hast du Bock, zum Casting für Grobi und Krümelmonster zu kommen? Und du denkst: WAAAAS? Ich? Das ist ja wahnsinnig! Ich habe mich schon irre geehrt gefühlt, dass ich einmal in meinem Leben die Hand in einer Henson-Puppe haben durfte.

Grobi

Das war auch schon bei diesem Außendreh so, da fragt man, was soll ich denn spielen, und es heißt, wissen wir noch nicht, Ernie oder Bert, die sind heute Statisten, die Stammspieler werden für die Puppen im Vordergrund gebraucht. Und ich so: Wie? Mir sind die Tränen runtergelaufen, das sind die Helden unserer Jugend! Und du weißt, du steckst deine Hand da rein, wo Jim Henson seine Hand drin hatte, das ist schon … Und dann gibt es diesen magischen Moment, du hast die Puppe auf, bist in so einem Camper vor einem Spiegel und guckst die Puppe an, im Spiegel, und es ist alles da! Es ist alles drin! Wenn du dafür empfänglich bist, das ist wie Besessenheit.

Puppenspiel

In den meisten Puppen hat man nur eine Hand drin. Grobi hat eine Hand und Stäbe, und Ernie hat eine zweite Hand. Bert hat außerdem noch bewegliche Augenbrauen. Alle glauben, die Augen würden sich auch bewegen, bei den ganzen Puppen, aber das stimmt nicht. Kermit zum Beispiel kann gar nichts. Kermit kann nichts! Also die Puppe hat keinen mechanischen Schnickschnack. Der ist wie ein Socken mit zwei Tischtennisbällen, und das ist die Puppe, die am allerbesten funktioniert. Simple is good. Es ist alles nur, wo die Puppe hinguckt und wie sie den Kopf hält. Die Illusion entsteht durch die Puppenspieler.

Heiko Wohlgemuth

Aber dass ich das überhaupt durfte! Ich bin auf dieses Casting gefahren und habe gedacht: nie im Leben kriegst du diesen Job! Da habe ich irgendwas gemacht und improvisiert, und dann hieß es, du bist es geworden. Ich dachte echt, das ist nicht euer Ernst! Und dann kommst du da rein, und da sind die Puppenspielstudenten von der Ernst Busch Hochschule für Schauspiel, und du kriegst fast ein bisschen ein schlechtes Gefühl.
Für mich ist das ideal, ich lebe nämlich in Hamburg und in Österreich, ich pendle. Und sie drehen beim NDR immer en bloc, da kann man sich die Spieltermine drumherumlegen, dann passt alles ganz gut zusammen für mich. Und dann ist dieses Produktionsteam auch noch so nett, sie helfen einem, wo sie können und sind wirklich herzlich und empfangen einen mit offenen Armen.

Ich habe also zwei Lebensmittelpunkte. Einen ruhigen in Österreich, und dann den Kiez, wenn ich ihn brauche. Man muss sich fast schämen dafür, dass das alles so toll ist. Und dann klingelt die Sesamstraße an, und du denkst: Oh Gott! Womit hab ich soviel Glück verdient? Ich werde an Krebs eingehen. Oder so.

Perücken

Dieses Theater hier ist so besonders, weil jeder sich einbringen kann. Da lernt man auch als Autor, auf seine Eitelkeiten zu verzichten. Ich habe begriffen, dass das ein totales Geschenk ist. Wenn der Regisseur und die Schauspieler Dinge ganz anders machen, als ich mir das beim Schreiben vorgestellt habe – da kriege ich ja auch was dafür! Und zwar etwas, was viel mehr ist als das, was man alleine geschrieben hat. Wir sind ein Club, und wir machen alles zusammen. Da improvisiert dann plötzlich einer was dazu, zum Beispiel, dass das Schlafzimmer oben ist, wir haben aber gar keine Treppe auf der Bühne. Und dann kommen von den Schauspielern plötzlich fünf Vorschläge, wie man jetzt diese Treppe darstellen könnte, und ich brauche mir nur noch den schönsten auszusuchen. Da wächst etwas, wo vorher nichts war, da entsteht etwas. Und das ist dann auch das Eigentum von allen.

Heiko Wohlgemuth

Im »Kleinen Störtebeker« spielen wir noch mehr mit der Phantasie, wie es sich bei »Sieben auf einen Streich« schon bewährt hat. Wir deuten Sachen an, ziehen Sachen zusammen, wir spielen und erzählen, wir springen aus den Rollen und dann wieder in die Szene rein, hin und zurück. Es gibt überhaupt kein Bühnenbild, wir haben Hosengummis, die man ziemlich dehnen kann, daraus wird alles mögliche, Bilderrahmen, Türen, eine Luke, was gerade benötigt wird, um die Geschichte zu erzählen.
Es gibt in dem Stück eine Verfolgungsjagd, die Hauptfiguren brechen in ein Haus ein, aber es gibt dieses Haus nicht, das gibt es nur über Akustik und darüber, dass fünf Leute eine Wand sind. Zwei Schauspieler schleichen an dieser Wand entlang, und die Wand bewegt sich, es sind einfach nur fünf Leute, die immer einen Schritt weitergehen, so immer wieder die Wand bilden, und die beiden schleichen diesen Flur aus Menschen entlang. Irgendwann bleibt einer aus der Wand stehen und macht die Faust auf den Rücken und spielt damit die Tür und macht »quietsch!« Ich fresse das total, das guckt man an und denkt, ja, geil, Haus. In dem Moment, als sich das so entwickelt hat, war klar, das geht alles.
Das Stück läuft jetzt erstmal bis vierten Januar. Wir hoffen, dass es dann verlängert wird.

Schmidt

Und dann spiele ich noch ein paarmal im Monat die »Heiße Ecke«, außerdem habe ich eine Zweitbesetzung in den »Königs vom Kiez«. Die lassen mich hier spielen, damit ich meinen Beruf nicht ganz verlerne. Hier im Theater bin ich nicht angestellt, sondern als Freier tätig. Für andere Dinge besorgt man sich einen Agenten, macht Verträge und pipapo, und am Ende bekommt man 3,50 €. Hier im Theater redet man kurz darüber, was ich denn haben will für das Buch, dann wird noch mal eine E-Mail geschrieben, und dann gibt man sich die Hand. Ich habe hier schon lange nichts mehr unterschrieben, hier vertraut man einander und das hat sich auch bewährt.

Plakate

Ich habe auch große Musicals übersetzt, und dann sitze ich da drin und denke, geil, die Texte funktionieren, die Lacher sitzen an der richtigen Stelle, aber mein Herz ist doch nicht voll dabei. Ich habe meine Arbeit geleistet, es ist auch schön, das zu sehen, es ist gut, aber irgendwie packt es mich nicht.

Aber hier! Am Anfang toben die Kinder herum, klappen mit den Stühlen, gucken, was der Stuhl noch kann … und irgendwann gucken sie alle gebannt auf die Bühne und lachen an den richtigen Stellen, und Mama und Papa lachen mit. Und wenn ich da dazwischen sitze, dann geht mir das Herz auf, und ich denke: Ich kann nicht mehr als zwei Brötchen essen, ich muss auch nicht Andrew Lloyd Webber sein, das hier ist doch mindestens genau so toll!

Premiere

Natürlich gibt es auch immer mal Momente, wo man denkt, ich wäre jetzt gern öfter bei meinen Kindern. Aber das sind auch die Momente, wo ich mir dann wieder sage, Alter, du lebst ein so privilegiertes Leben. Wenn man jahrelang das gleiche macht, kann einem das schon mal zu viel werden. Manchmal denke ich: Na gut, dann stehst du halt abends zweieinhalb Stunden auf der Bühne und machst immer wieder das gleiche – aber andere Leute stehen jahrelang bei VW am Fließband und schrauben Heckklappen ein.

Heiko Wohlgemuth

»Was ich am allerliebsten mache, ist immer das nächste. Mitten drin wird es ja irgendwann Arbeit, aber der Gedanke an das nächste ist immer: Au ja, geil, das wird super!«

Hier geht’s zur Webseite von Heiko Wohlgemuth
und zum Schmidt-Theater.
Und zu Maximilians Besprechung des »Kleinen Störtebeker« im Hamburgführer.

2 Kommentare

  1. Sehr, sehr gerne gelesen!

  2. Was für ein unfassbar schöner Text! Ich spüre die Liebe und Begeisterung zu dem, was er tut, in jedem Satz. Danke schön!

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