Hendrik Neubauer, Moderator in der Stadtplanung

Willkommen auf dem Adolf-Hitler-Platz. Am 19. April 1933 wurde der Platz hier, der heute Rathausmarkt heißt, umbenannt, und an dem Tag wurde Hitler auch Ehrenbürger der Stadt Hamburg. Die Nationalsozialisten wussten, wie wichtig der öffentliche Raum ist. Ihre Städtebau-Vision konnten sie in Hamburg aber nicht so richtig ausleben, das haben sie in Nürnberg gemacht. Hier haben sie nur Pläne geschmiedet. Die Nationalsozialisten haben schon so etwas wie eine Ost-West-Straße geplant. Schneisen durch die Innenstadt zu schlagen und Fleete zuzuschütten. Das hat dann aber erst die Nachkriegsgesellschaft geschafft.

Strassenschild Rathausmarkt

Ich bin Historiker. Von daher ist die Arbeit hier ein gefundenes Fressen für mich. Geschichte spielt in der Stadtentwicklung immer eine große Rolle: Bewahren, wertschätzen oder rücksichtslos neu bauen? Das ist in Hamburgs Mitte aber gar nicht so sehr die Frage. Im 19. Jahrhundert haben Feuer und Cholera Riesenlücken in das Stadtbild gerissen.
Dieser Platz hier wurde nach dem großen Brand 1842 neu geplant von Alexis de Chateauneuf, die Alsterarkaden gehen auf seine Entwürfe zurück. Nachdem das Alte Rathaus an der Trostbrücke in Flammen aufgegangen war, wurde das Rathaus an dieser Stelle dann erst 1897 fertiggestellt. Was in der Innenstadt immer wieder deutlich wird: Die Hamburger reden über ihre Baugeschichte, als würde die jahrhunderteweit zurückreichen. Aber in der Innenstadt geht das meiste höchstens auf das 19. Jahrhundert zurück.

Alsterarkaden

Was sich in den letzten Jahren auf der anderen Seite des Alsterfleets abgespielt hat, am Neuen Wall, Große Bleichen und so weiter, das ist eine Hamburger Spezialität. Dort haben sich nach dem Vorbild der USA Grundeigentümer und Anlieger in sogenannten Business Improvement Districts (BID) organisiert und das Schicksal des öffentlichen Raums selbst in die Hand genommen. In Hamburg gibt es inzwischen sechzehn oder siebzehn solche Business Improvement Districts, bis hin nach Bergedorf. In Bergedorf kann man das Ergebnis gut sehen, die Fußgängerzone ist wirklich wunderbar entwickelt worden.

Hendrik Neubauer

Hier in der City wurde der Neue Wall als erstes aufgewertet. Und das Erstaunliche ist: Wenn die Anlieger und die Grundeigentümer den ruhenden Verkehr selbst in die Hand nehmen, was passiert dann? Dann reduzieren die den. Wenn das Aufgabe der öffentlichen Hand ist, schreien die Anlieger immer, „ich brauch Parkplätze, ich brauch Parkplätze!“ Und in dem Moment, wo die Anlieger den Neuen Wall selbst neu organisieren, verengen sie die Fahrspuren und verbreitern die Fußwege, das finde ich echt enorm.

Hinweisschild Bauarbeiten

Dass die Stadt solche Aufgaben an die Anwohner abgibt, liegt einfach an der Knappheit der öffentlichen Kassen. Früher ist man gar nicht auf die Idee gekommen, solche Public Private Partnerships zu machen, aber jetzt ist es überall in Deutschland üblich. Was dann passiert, ist – und das ist auch für viele der Kritikpunkt – es wird dann eben diese eine Straße oder ein Viertel bewirtschaftet, die haben ein Erscheinungsbild und ein eigenes Marketing, einen eigenen Sicherheitsdienst, wie man vorne an den Großen Bleichen sehen kann, und da wird es dann schwierig. Die Stadt sollte allen Hamburgern gehören. Gut, am Neuen Wall waren auch vorher selten Obdachlose zu sehen. Auf dem Steindamm ist das ein ganz anderes Thema, da wird das ein Problem. Aber auch da denke ich: im Prinzip muss die Gesellschaft sich darum kümmern, die Leute von der Straße zu holen, und ihnen andere Möglichkeiten zu bieten, als ihren Lebensunterhalt zu erbetteln und im Winter auf der Straße zu übernachten.

Straßenszene hinterm Rathaus

Neben dem wichtigen Thema Plätze und Öffentlicher Raum ist im aktuellen Innenstadtkonzept das Thema Wohnen ganz wichtig. In der Hamburger Innenstadt wohnen ungefähr 13.000 Leute. Das ist verdammt wenig. Darum hat sich das neue Innenstadtkonzept auch gekümmert: Stellen in der Stadt auszumachen, wo in Zukunft wieder Leute wohnen können. Das ist eigentlich eine Binsenweisheit: wenn hier Leute leben, explodieren nicht gleich die Einzelhandelsumsätze, aber es entsteht Leben, die Leute gehen abends aus, sie gehen in die Kneipen. Hier in der Mitte Hamburgs hat man ja manchmal das Gefühl, es ist abends und nachts vollkommen ausgestorben. Und das liegt nicht nur am Klima, auch hier sitzen die Leute ja gerne draußen, in der Schanze sitzen sie bis weit in den November zum Rauchen vor den Cafés.

Wo wir jetzt reingehen, ins Nikolaiquartier, das ist der größte Business Improvement District (BID), den es in Hamburg jemals gab. Alter Wall, Bankenviertel. Das Rathaus ist öffentlichkeitswirksam, das Bucerius Kunstforum ist ein öffentliches Angebot, aber wenn man dazwischen die Straße reingeht, da ist alles dicht.

Bauzaun Alter Wall

Alle Erdgeschosse sind verschlossen, und es ist auch tagsüber ziemlich tot. Das wird sich – vermute ich – bald ändern. Die Gegend hier entwickelt ein Investor, der die Fassade der alten Bankgebäude stehenlässt, dahinter kommen Büros, und ich hoffe, das Erdgeschoss wird dann auch geöffnet. Das ist einfach wichtig, damit solche Straßen anfangen zu leben. Dann wirkt vielleicht auch das „Welcome Center“ ein bisschen überzeugender.

Tafel "Welcome Center"

Was den Büroraum angeht, ist es so: es gibt genügend Büroraum in der Stadt, aber der ist für viele Nutzungen nicht mehr nicht mehr zeitgemäß, da braucht es mittlerweile ganz andere Standards. Das heißt, die Büros ziehen um, Bestandsgebäude werden umgebaut und möglicherweise anderen Nutzungen zugeführt. Zum Beispiel Wohnen. Und ins Erdgeschoss muss unbedingt eine Öffnung, Einzelhandel, Restaurants oder was auch immer.

Jetzt sind wir am Adolphsplatz, Adolph mit ph diesmal. Das wird hier jetzt alles entwickelt. Das ist ein historisch wichtiger Platz, den kann man auch wirklich besser gestalten. Hier war lange sozusagen der Hinterhof des Rathausmarktes, und jetzt wird sich durch sowas wie die Hamburg School of Business Administration hoffentlich ein ganz anderes Leben entfalten.

Hochschule am Adolphsplatz

Der Bau selbst ist auch sehr gelungen. Im Gegensatz zum Sparkassenbau zum Beispiel, da hat man im Material, vom Stein her, ein bisschen guten Willen gezeigt, aber ansonsten ist das eher gescheitert. Was auch in dem Beteiligungsprozess immer wieder diskutiert wurde: Warum muss die Hamburger Sparkasse eigentlich da sitzen? Das Erdgeschoss ist komplett dicht, und dadurch entsteht wirklich toter Raum, mitten in der Stadt. So fangen Diskussionsprozesse an und werden wohl auch in den BID getragen. Die Sparkasse sitzt da meines Wissens mit drin. Wer direkt in Prozesse eingebunden ist, fragt sich vielleicht dann auch selbst: Mensch, was können wir denn hier mal machen? Können wir die Erdgeschosse nicht an andere Nutzer vergeben? Wollen wir da nicht mal aufmachen?

Haspa, verbautes Erdgeschoss

Das ist oft das Generalrezept: können wir nicht mal was aufmachen? Es braucht öffentlichkeitswirksame Angebote, um Leben in die Bude zu bringen, und da ist sowas wie diese Hochschule natürlich ideal.

Straßenszene vor der Handelskammer

Meine Rolle bei der ganzen Sache ist die, dass ich ab 2009 das Innenstadtkonzept lektoriert habe. Im Oktober 2010 wurde es zum ersten Mal veröffentlicht. Davor gab es einen Masterplan Hafencity. Und dann habe ich dieses kleine Buch gemacht, zusammen mit Kunibert Wachten, der ist Lehrstuhlinhaber für Städtebau und Landesplanung an der RWTH in Aachen. Mit ihm habe ich jahrelang zusammengearbeitet, dieses Buch entwickelt und mit einem Team von Autoren realisiert. Ich habe auch selbst ein paar Kapitel beigesteuert.

Hendrik Neubauer mit Buch

Das war in den Nullerjahren mein Start in die Stadtplanung. Das wusste ich da aber noch nicht, da war ich noch als Historiker tätig. Und dann hat mich Kunibert Wachten in andere Stadtentwicklungsprozesse mitgenommen, unter anderem hier in Hamburg, und hier habe ich die letzten fünf Jahre intensiv redaktionell am Innenstadtkonzept mitgearbeitet. Ich habe Arbeitsgruppen moderiert, und ich habe in Wachtens Team diesen Entwicklungsprozess mitdokumentiert. Das Ganze ist jetzt im Juni erschienen als „Innenstadtkonzept 2014“. Im September wurde es vom Hamburger Senat abgesegnet.

Als „Innenstadt“ gelten dabei Altstadt, Neustadt und Hafencity; eigentlich alles, was innerhalb des alten Walls liegt, vom Stintfang bis zum Deichtorplatz. Mit der Hafencity erweitert sich die Fläche der Innenstadt um 45%, das ist die größte Innenstadterweiterung – prozentual, nicht von der Fläche –, die es in Europa gibt.

Gullideckel

Eine Daueraufgabe für die Stadtplanung ist, dass das Alte mit dem Neuen wächst und im besten Fall zusammenwächst. Und da kommt der BID Nikolaiviertel wieder ins Spiel. Das Viertel bekommt durch die Nähe zur Hafencity auch ganz neue Chancen. Man liegt gewissermaßen auf dem Weg an die Elbe. Da wird diskutiert, da wird entwickelt, die sind seit 2004 dabei, das ganze anzuschieben, und 2015 wird jetzt endlich gebaut. Hier im Großen Burstah wird die Stadt fast drei Millionen in die Verkehrswege investieren. Und der BID Nikolaiquartier wird 2018 letztendlich um die neun Millionen investiert haben.

Nikolaifleet

Darüber hinaus hofft der Oberbaudirektor, Professor Walter, auch, das Allianzhochhaus bald schleifen zu können. Das steht längst leer, die Allianz ist jetzt in der City Nord. Sie haben hier zum Beispiel den Fleetzugang verbaut, da muss was passieren, es ist vollkommen unnötig, das Ding so weit auskragen zu lassen. Hier manifestieren sich aber auch Baustile im Stadtbild und hässlich oder schön sind nicht immer das Kriterium in den Diskussionen. Und man verhandelt auch die Baukultur einer Stadt.

Allianz-Hochhaus

Hier wohnt Herr Färber. Einer der wenigen aktiven Bürger in dem Prozess. Das hier ist das einzige bewohnte Haus im Nikolaiviertel, das Hindenburghaus.

Hindenburghaus

Schräg gegenüber entstehen aber jetzt ein paar Lofts. Oben in der Altstadt, im Kontorhausviertel, gibt es den Altstädter Hof, dort wohnt der Hauptanteil der knapp 1.700 Altstadtbewohner. Aber die Altstadt ist ansonsten nicht bewohnt. Daher stellt sich jetzt die Frage, wenn man das Allianzhaus abreißt, ob hier nicht ein Angebot entstehen kann, mitten in der Stadt, wo man wohnen kann.

Das Haus liegt eigentlich geschützt – wenn es direkt an der Ost-West-Straße läge, würde sich natürlich die Frage stellen, ob man den Leuten die Lärm-Emissionen zumuten kann. Insgesamt muss man auch über sozialen Wohnungsbau in der Innenstadt nachdenken, wie in der Hafencity, da gibt es ja am Lohsepark auch geförderte Wohnungen. Zugegeben, Luxuswohnungen wird es dort auch jede Menge geben, aber es ist halt auch eine bevorzugte Wohnlage.

Das Innenstadtkonzept formuliert bestimmte Ansprüche. Wir sprachen ja schon über den öffentlichen Raum. Weiterhin geht es um das Thema Wohnen, man will unbedingt das Wohnen in der Stadt fördern. Weil man sich davon eine Belebung verspricht. Es geht um den Einzelhandel, der entwickelt werden soll. Es kursieren Zahlen, dass man in der Innenstadt mit der Entwicklung der Hafencity, und da muss man sich dann schon echt festhalten, ungefähr noch 150.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche entwickeln kann. Es braucht aber unbedingt Verbindungen da runter an die Elbe.

Blaue Brücke

Und damit kommen wir zu den Nord-Süd-Verbindungen wie der blauen Brücke. Für die gibt es noch keine echte Planung. Im Innenstadtkonzept wird empfohlen, sich eine andere Lösung zu überlegen, aber dazu komme ich gleich. Und man muss sich, das ist ein weiteres Handlungsfeld, um diese Bürogeschichte kümmern, die ich schon angedeutet habe. Der Büroraum hier, in Altstadt und Neustadt, ist in die Jahre gekommen und muss saniert werden. Deswegen ist auch der Spiegel in die Hafencity gezogen, und Unilever haben ihr, wie ich finde, schönes Hochhaus an der Laeiszhalle verlassen und sind auch in die Hafencity gegangen.

Das hier ist doch wirklich klasse, es nennt sich „Neue Burg“. So ein schönes Waschbetongebäude! Es gehört der evangelischen Kirchenverwaltung, die sich im gleichen Atemzug hier angesiedelt hat wie die Allianz, ungefähr um die Zeit. Das muss in den Siebzigern gewesen sein.

Neue Burg

Damit haben wir hier gleich zwei neuralgische Punkte, das Allianzhochhaus und die Neue Burg, um die man sich unbedingt kümmern muss, denn das addiert sich hier zu einer einzigen Bausünde. Und das wird auch nichts mehr.

Städtische Brache

Das nimmt keiner mehr an, das muss einfach weg. Meine Meinung, die ich jetzt hier mal so ganz unverblümt äußern kann, die aber bei meiner Arbeit nichts zu suchen hat. Dort moderiere und dokumentiere ich – die Meinungen, Einschätzungen und Ideen anderer.

Graffiti

Am Innenstadtkonzept 2010 gab es einen ganz großen Kritikpunkt: Es hieß, man sei nur auf die Hafencity fixiert und würde sich nicht um das schöne, das alte Hamburg kümmern, Altstadt und Neustadt, sondern alle Bemühungen auf die Hafencity konzentrieren. Die Stadt hat dann in einem moderierten Beteiligungverfahren exponierte Vertreter der Hamburger Bürgerschaft eingeladen, das Konzept zu diskutieren und weiterzuentwickeln, zu dem Prozess wurde aber auch öffentlich eingeladen, so dass jeder interessierte Hamburger hätte teilnehmen können. Es waren dann aber vor allem Planer, Initiativenvertreter, z.B. auch vom Katharinenviertel, aus der Neustadt, Quartiersmanager, Architekten, Politiker, IHK-Leute, Architekturprofessoren, Architekturkritiker und so weiter.

Großer Burstah

Dann wurde auf das Konzept 2010 eingedroschen wie nichts Gutes. Man würde sich nicht um den Bestand kümmern, sich nur auf das Neue orientieren. Das ganze Thema wurde dann in einem mehrjährigen Beteiligungsprozess noch mal komplett neu aufgerollt und sehr sachlich diskutiert. Was da jetzt steht, das Konzept 2014, ist auf jeden Fall besser, da wurde ganz genau herausgearbeitet, wo die neuralgische Linie ist. Wenn es nicht gelingt, dass solche Plätze wie der Hopfenmarkt hier und die Ost-West-Straße neu organisiert werden, dann kann man das, was da hinten in der Hafencity passiert, vergessen. Es entstehen Inseln, aber ein Zusammenwachsen der Innenstadt findet dann schlicht nicht statt.

Bauzaun

Parkplatz Hopfenmarkt

Die ehemalige Ost-West-Straße, heute heißt sie von da hinten bis hier Willy-Brandt-Straße, und ab dem Rödingsmarkt heißt sie Ludwig-Erhard-Straße, bildet die Grenze zwischen Altstadt und Neustadt auf einer und der Hafencity auf der anderen Seite. Kontorhausviertel und Speicherstadt sind am Meßberg getrennt, beim Spiegelhochhaus und Hamburg-Süd verläuft die Demarkationslinine, Michel und Großneumarkt sind ebenfalls voneinander getrennt.

Ost-West-Straße

Das hier ist die Grenze, das sagt auch der Neustadt-Quartiersmanger Sascha Bartz. Seine Leute aus dem Norden haben mit denen aus dem Süden rund um die Michelwiese nichts zu tun. Das ist ein Riesenproblem! Und sowas kriegt man nicht durch eine blaue Brücke in den Griff. Hinten in der Speicherstadt gibt es so lange Stege über Straßenniveau. Darüber kommt man auch bei Hochwasser noch über die Straßen. Es gab im Prozess den Vorschlag, die Stege weiterzuführen, so eine Art Nord-Süd-Highline-System zu bauen. Könnte man machen und würde der Stadt auch ein ganz eigenes Bild geben. Irgendwas spricht aber immer dagegen. Dabei würde diese Steg-Idee ja auch ein maritimes Thema aufnehmen und Quartiere miteinander verbinden. Aber dann gibt es Sicherheitsbedenken, Schnee und Eis, Unterhaltungskosten … irgendwas ist ja immer.

Ost-West-Straße

Hier ist alles auf Ost-West orientiert. Mönckebergstraße, der Neue Wall, es läuft alles in dieser Richtung. Um diese drei Teile, Neustadt, Altstadt, Hafencity miteinander zu verbinden, ist etwas Neues angesagt: Nord-Süd. Und Nord-Süd gibt es seit den Fünfzigerjahren nicht mehr, durch diese Scheißstraße. Das ist das größte Verbrechen, das frühere Generationen von Planern begangen haben. Jetzt ist es natürlich nicht mehr zurückzubauen. Meine Hoffnung ist, dass sich der Individualverkehr so zurückentwickelt, wie das manchmal schon prognostiziert wird. Ich sehe das schon bei der nachwachsenden Generation, dass längst nicht mehr jeder ein Auto hat. Die gehen viel mehr auf Carsharing und fahren Bus und Bahn, die sind am Autofahren gar nicht so sehr interessiert.

Hendrik Neubauer

Man wird auch keinen Tunnel bauen können, dafür ist kein Geld da. Der Plan ist, auch hier zu versuchen, die Ost-West-Straße so weit wie möglich zurückzubauen und zumindest an den Eckpunkten die Erdgeschosse zu beleben, damit die Nord-Süd-Läufe sich bis in die Hafencity entwickeln, damit die Leute da hingezogen werden. Hier wird das klappen, da ist mir nicht bange. Viel schlimmer ist es weiter hinten: wenn man von der St. Petrikirche über den Domplatz geht, ist auf der einen Seite ein grüner Platz, auf der anderen Scientology, da will man nicht hin, dann geht man auf die Willy-Brandt-Straße zu, da kommt das ehemalige Spiegelgebäude, wo noch nichts Neues ist – wenn man von der Mönckebergstraße ins Überseequartier will, dann muss man da wirklich hinwollen. Es zieht einen nicht von allein.

Ost-West-Straße

Alle Pläne, die die öffentliche Hand fordern und finanziell strapazieren – vergiss es. Von daher muss man pragmatisch mit der Ost-West-Straße umgehen. Vielleicht kann man sie so begrünen wie die Esplanade, wobei die auch nicht besonders schön ist, aber man kann es ja versuchen. Von einem Großstadtboulevard war ab und an die Rede. Man könnte nächtliche Angebote platzieren, Discos, Kinos, Bars und sowas, dass man da ein bisschen Leben reinbekommt. Angebote, die in Wohnumfeldern immer Stress und Konflikte provozieren. Dann hat man tagsüber zwar immer noch nichts, aber gut. Es wäre immerhin ein Anfang. Das ist also die neuralgische Verkehrsader, die muss man irgendwie überwinden.

Hendrik Neubauer

Das Kontorhausviertel wird im nächsten Jahr noch wichtiger werden – Kontorhausviertel und Speicherstadt stehen kurz vor der Akzeptierung als Weltkulturerbe. Das ist ganz schwierig, weil man dann einen neuen Player in der Stadt hat. Überall, wo die Unesco hinkommt, hat man unglaublich viele Auflagen. Man will das trotzdem. Nicht wegen Fördergeldern oder sowas, sondern für’s Image, weil man damit im Welttourismus eine Marke wird. Dieses Ensemble der Speicherstadt und das Kontorhausviertel, das ist einzigartig. Das hier! Großartig!

Speicherstadt

Hier in der Speicherstadt hat man aber auch Probleme, andere Nutzungen zu entwickeln, da kann man keine Lofts oder sowas reinsetzen. Feuerschutz, Hochwasserschutz, man muss die Leute evakuieren können und so weiter, da gibt es jede Menge Auflagen. Und die Raumhöhen sind ja baulich auf Lager ausgerichtet, das kriegst du gar nicht umgebaut. Die meisten Etagen sind viel zu niedrig und verschattet.

Speicherstadt

Die Architekturkritiker hauen ja auf das, was jetzt dahinter entsteht, auf die Hafencity, gerne ein. Klötzchenarchitektur! Aber man kann ja nicht jedes zweite Gebäude von Gehry, Foster oder sonst einem Stararchitekten bauen lassen, das muss vor allem einen Nutzwert haben und irgendwo auch noch bezahlbar bleiben. Das kann nicht so eine Eventarchitektur sein. Eventarchitektur haben wir mit der Elbphilharmonie, das muss reichen.

Elbphilharmonie

Was mich total fasziniert, ist das Kontorhausviertel, der Backsteinexpressionismus, und dann diese Industriearchitektur, die Lagerhäuser. Die Hafencity nimmt das auf. Elemente wie der Traditionsschiffhafen nehmen die Geschichte der Stadt auf, ich empfinde das wirklich als durchdacht, und für mich funktioniert es auch.

Straßenschild Brook

Die Hafencity muss natürlich noch ein bisschen Patina ansetzen. Man kann nicht auf etwas, was gerade erst gebaut wurde, sofort draufhauen. Bevor sich überhaupt Leben entwickelt hat! Dann gehen die Leute da hinten zum Kinderspielplatz und sagen, so ein Jammer, da ist ja niemand! Da können ja gar keine Kinder spielen, neben dem hässlichen Unilever-Ding! Das ist aber unfair. Stadtteile müssen sich entwickeln, und das dauert nun mal ein bisschen. Nach Osten hin ist noch so viel Raum und noch so viel geplant, jetzt wartet doch mal ab. Die HafenCity ist ja längst noch nicht fertig.

Hafencity

Ich arbeite an all diesen Entwicklungsprozessen vor allem als Moderator mit und dokumentiere diese dann im Anschluss oftmals. Wir lenken nicht, sondern moderieren nur. Was mich, ganz abgesehen von Hamburg, an der Arbeit selbst begeistert, ist, in einem Moderationsprozess einander zuwiderlaufende Ansichten und Ziele zu moderieren und sie zu einem guten Ziel zu führen. Das haben wir in unserer Gesellschaft ganz selten. Dass du dich überhaupt mit anderen an einen Tisch setzt, und im Austausch zu einem Ergebnis kommst. Das ist das Tolle daran. Das beobachtet man sonst in der Gesellschaft immer seltener, aber das passiert an diesen Stellen. Vielleicht bin ich da auch ein bisschen blauäugig, aber das macht mir unglaublichen Spaß. Gut, ich werde auch dafür bezahlt, aber ich gebe meistens Abende oder ein ganze Wochenende oder sonstwas drauf. Die Prozesse passieren ja dann, wenn alle anderen Freizeit haben. Aber das mache ich liebend gerne. Und wenn ich dann sehe, was dabei rauskommt! Konflikte ausräumen. Das finde ich toll!

Schiff Seute Deern

In anderen Städten habe ich es zum Beispiel erlebt, dass sich nach solchen moderierten Beteiligungsprozessen vermögende Bürger auch finanziell engagiert haben. Die haben einen alten Bahnhof gekauft, um ihn zu einem Bürgerzentrum auszubauen. Das sind wunderbare Geschichten, die man eigentlich gar nicht glauben kann.

Zu solchen Ergebnissen zu kommen, das ist großartig. Der Fall der Hamburger Innenstadt liegt dagegen wesentlich komplexer. Aber wer das Innenstadtkonzept liest und mit offenen Augen durch die City geht, wird erkennen, dass hinter den ganzen Baustellen in der Stadt ein System steckt. Und er wird erkennen, dass die Bautätigkeiten am Alten Wall, Adolphsplatz oder Großen Burstah einzelne Bausteine, aber noch längst nicht alle notwendigen Maßnahmen darstellen, um Hafencity, Altstadt und Neustadt zu einem Ganzen zu entwickeln.

Hafencity

Und dann kommt noch die Zeit nach dem Auftrag. Wenn alles fertig ist. Wenn ich die Zeit finde, fahre ich an die Orte, an denen ich an Prozessen mitgearbeitet habe und gucke mir das an und fotografiere und dokumentiere das in meinen Logbuch.

Hafencity

Hendrik Neubauer

»Und wenn ich dann sehe, was dabei rauskommt!«

Hier die Route, die wir gegangen sind.

7 Kommentare

  1. Neues Wort gelernt: »Backsteinexpressionismus« – cooler Begriff.

    Und hey, ich google grad danach und es gibt sogar einen Wikipedia-Eintrag dazu. Dachte eher, das war eine Eigenkreation.

    In diesem Sinne: Danke für die Erweiterung meines Horizonts!

  2. Vielen, vielen Dank für die interessanten Einblicke in die Stadtplanung von Hamburg. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass in der Innenstadt so wenige Leute leben. Wenn ich das mit dem Dorf, in dem ich wohne, vergleiche (ca. 11.500 Einwohner), ist das echt erstaunlich. (Vielleicht würde deshalb auch Hamburg an erster Stelle als Wahlheimat stehen, wenn ich gezwungen wäre in einer Großstadt zu leben.)

    Ansonsten bleibt mir nur zu sagen: Macht weiter so!

    Schöne Grüße aus Niederbayern
    Patrick

  3. Gerade beim Thema »BIDs« müßte man aber kritisch nachhaken. Da wird öffentlicher Raum freimütig in private, kommerzorientierte Hände gegeben. Wie kann das sein? Das Ergebnis war auch in Hamburg zu beobachten: Wie in den Eingangsbreichen der Innenstadtgeschäfte plötzlich Metalldornen und Sprinkleranlagen auftauchten, um Obdachlose zu vertreiben. (Das ist nur ein Aspekt.)

    • Ein BID ist kein Freifahrtschein, eine Straße und ein Viertel nach seinem eigenen Gusto zu gestalten. Und kritische Begleitung ist auch gut. Wichtig finde ich, dass auf diese Art und Weise Grundeigentümer und Anlieger in ihre Verantwortung genommen werden und über ihre Grundstücke/Immobilien bzw. ihre Angebote hinaus, sei es nun Einzelhandel oder Dienstleistungen insbesondere Gastronomie sowie Hotellerie, eingebunden werden. So ein Prozess hat ganz viele Aspekte, dazu gehört auch die Frage: Wo bleiben die Obdachlosen? Aber sollten einer Gesellschaft zu dieser Frage nicht andere Antworten einfallen als: Der Eingang zu einem Kaufhaus oder der Platz über einem Abluftrohr sollte unbedingt als Schlafplatz erhalten bleiben.

  4. Sehr interessanter Insiderbericht aus historischer Sicht, auch Kritik bezüglich der BIDs wird angesprochen (der Reeperbahn-BID wäre ja auch mal eine besondere Betrachtung wert), und: Ich glaube, Historiker und bildende Künstler sind wohl die einzigen Menschen, welche Waschbetongebäude schön finden :-)

    • @Frank B. #Waschbeton: Das ist ein kleines MIssverständnis. Das war ironisch gemeint. – Wobei wirklich zu beachten ist, dass solche Gebäude auch Ausdruck ihrer Zeit sind. Das Thema Denkmalschutz ist ein weites Feld.

  5. Den Beitrag von Hendrik Neubauer nehme ich mit bei meinem nächsten Hamburg-Besuch – ein anregender Stadtführer! Die Fotos sind eine gute Mischung aus Information und persönlichem Einblick. Glückwunsch!
    Peter Zlonicky, München.

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