Frank Pressentin, The Hanseatic Penmaker

Porträt Frank Pressentin

Ich bin Frank Pressentin, 1976 in Parchim geboren und an der Waterkant großgeworden. Viel in der Natur und im Grünen gewesen, und irgendwie ist das auch immer noch eine Inspirationsquelle. Ich habe schon viel Unterschiedliches gemacht, ich bin wahrscheinlich so ein klassischer Unternehmertyp. Das traue ich mich heute zu sagen, hätte ich mich vor fünf Jahren noch nicht getraut. Irgendwann ist mir aufgegangen, dass das ja ein schönes Wort ist, weil: unternehmen tut jeder gerne was. Ich bin gerne Unternehmer. Ich habe immer meine Leidenschaften zum Beruf gemacht. Zwischen 14 und 34 war ich als „DJ Presse“ im Parchimer Raum unterwegs, ich hab aufgelegt, als Moderator gearbeitet, viel ausprobiert, Hochzeiten, Betriebsfeiern, Großraumdiscos, alles. Parallel habe ich auf Lehramt studiert. Ich wollte Lehrer werden, bin dann aber doch in eine andere Richtung gegangen und habe mein Leben mit Kindern geteilt, rund um die Uhr als sogenannter „innewohnender Pädagoge“ mit ihnen zusammengelebt und nebenher meine Hobbys ausgelebt und teilweise auch zum Beruf gemacht.

Kinderzeichnungen, die Frank Pressentin bei der Arbeit zeigen

Selbständig bin ich jetzt, seit ich 18 bin. Ich glaube, ich bin nicht zum Angestellten gemacht. Das habe ich ein, zweimal probiert, aber ich muss immer einer Idee folgen, und das passt nicht so gut zum Angestelltenverhältnis. Ich probiere mich lieber aus. Vor zehn Jahren habe ich als Fotograf Unternehmen und Produkte fotografiert und einen Verlag gegründet, in dem ich Kalender veröffentlicht habe. Auch das war ein Hobby, das ich schon seit DDR-Zeiten habe. Hauptberuflich bin ich aber nach wie vor in der Pädagogik. Ich habe vor zehn Jahren einen Träger der Kinder- und Jugendhilfe gegründet, zusammen mit einem Partner. Wir helfen im Auftrag des Jugendamtes, in schwierigen Familien das Kindeswohl zu sichern. Im Moment betreuen wir sehr viele minderjährige unbegleitete Flüchtlinge. Wir haben über das gesamte Hamburger Stadtgebiet verteilt Wohnungen, in denen wir jungen Menschen zwischen 16 und 21 einen Start ins Leben ermöglichen und sie dabei begleiten. Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe, bei der ich in den letzten Jahren aus der praktischen Arbeit rausgewachsen bin in die rein administrative, geschäftsführende Tätigkeit. Da hat man nicht mehr wirklich den Kontakt zu den Menschen. Man entfernt sich nach und nach von der Arbeit mit den Klienten, mit den Mitarbeitern, hat ganz viel mit Struktur und Organisation, Teamentwicklung etc. zu tun.

Rotwein und Franzbrötchen

Den Ausgleich habe ich im Bootsbau gefunden: Im Moment baue ich mir nebenbei ein Boot, das ist auch so ein Projekt. Wir hatten mal ein kleines Boot, die Tante. Tante gibt’s nicht mehr, wir mussten sie verkaufen, als wir ein Haus gekauft haben und unser Sohn kam. Aber als das Haus fertig renoviert war und die Garage leer dastand, habe ich angefangen, darin ein Boot zu bauen. Das ist ein bisschen wahnsinnig, aber ich brauche immer etwas, was mich herausfordert. Im Bootsbau gibt es ganz tolle, klassische, wunderschöne Materialien und Handwerkstechniken. Ich habe jedes Buch, das ich finden konnte auf Deutsch und Englisch gelesen und studiert. Das mache ich immer, dass ich über alles, was mich packt, Bücher und Zeitschriften sammle. Ich lese überhaupt keine Belletristik mehr, nur noch Fachliteratur. Das Bootsbauprojekt mache ich seit drei Jahren. Nächstes Jahr will ich auf dem Wasser sein. Es tut mir gut, mich mit klassischem Handwerk zu befassen.

Holz und Werkzeug

Über die Beschäftigung mit den Materialien – Holz, Epoxit, Metalle – bin ich dann auf die Suche gegangen nach Dingen, die man auch zu Hause in der heimischen Werkstatt fertigen kann, die nicht so groß sind wie ein Boot. Glücklicherweise konnte ich im letzten Jahr anbauen. Wir haben an unser altes Haus, wo die kleine Garage stand, ein Carport mit anschließender Traumwerkstatt angebaut, das ist hier ein bisschen atelierartig, sehr hohe Decken, 45 qm mit Bullerjan und Blick in den Garten. Die Idee mit dem Bullerjan stammt vom Bauernhof meines Vaters.

Bullerjan

Von ihm muss ich das geerbt haben, er hat sich vor 15 Jahren ein Bauernhaus gekauft, total verfallen, alle haben ihm einen Vogel gezeigt, und er hat gesagt, das ist jetzt mein Hobby, jedes Jahr mache ich ein Zimmer fertig. Und als erstes kam der Bullerjan. Die Couch, auf der wir sitzen, ist auch von da. Das Gefühl, das mein Vater mir mit auf den Weg gegeben hat, das lebe ich hier weiter.

Frank Pressentin

Ich habe mir angelesen, welche Maschinen man in einer Holzwerkstatt gebrauchen kann, habe mich fortgebildet und Drechselkurse gemacht. Das Drechseln gehört zu den ältesten Gewerben der Welt. Die Drechselbank hat einen Motor, der dreht das Werkstück. Damit es nicht wegfliegt, hältst du es mit dem Reitstock fest. Man hat das Drechselwerkzeug in der Hand und führt es mit der Hand auf der Messerablage. Drechseln wird mit einem in freier Hand geführten Werkzeug gemacht – das ist im Prinzip ein scharfes Messer – mit dem richtigen Druck und der richtigen Schnittrichtung.

Kanteln

Wenn man den Winkel falsch wählt, kann es einem das Messer aus der Hand hauen, oder das Werkstück wird zerstört, das kann alles passieren. Man braucht unbedingt immer scharfes Werkzeug, man braucht den richtigen Schnittwinkel und die richtige Schnittgeschwindigkeit.

Holzrohlinge

Ich habe mich dann auf das Drechseln von Schreibgeräten spezialisiert. Die sind klein und zierlich, aber man hat unglaubliche Gestaltungsmöglichkeiten.

Holzrohlinge

Man kann sehr weit kommen im Drechseln, weil es speziell für Drechsler vorgefertigte Bausätze gibt, da kriegst du die Metallhülsen mit fertigem Gewinde etc, und um die herum fertigst du dein Holz.

Verschiedenfarbihe Holzrohlinge

Dann klebst du alles zusammen und hast ein Produkt erstellt. Es hat mir aber nicht gereicht, für das Innenleben der Stifte auf vorgefertigte Hülsen und Bausätze zurückzugreifen, und deswegen bin ich seit fast drei Jahren sozusagen in der Lehre bei Michael Pflüger, einem genialen Erfinder, Künstler, Tüftler, Mechaniker in Eppendorf, und habe mir von ihm das Metalldrehen beibringen lassen.

Drehbank

Der Unterschied zur Drechselbank ist, da ist so ein Kreuzschlitten drauf. Die ist mechanisch angetrieben, und auf dem Schlitten sitzt das Werkzeug. Du kurbelst eher, als dass du das Werkzeug frei führst. Man kann Gewinde schneiden, man kann aber auch frei Hand darauf drechseln. Diese Maschinenart, die mechanische Drehbank, nennt man die Königin der Werkzeuge.

Schalter an der Drehbank

In der Regel arbeitet man mit zylindrischem Ausgangsmaterial, für die Stifte sowieso, also mit Stangen und Rohren. Ich kaufe massive runde Metallstangen, und wenn ich sie bearbeitet habe, sind es immer noch runde Stangen. Die drehe ich auf die Enddurchmesser, die ich benötige, dann bohre ich rein und schneide Gewinde rein.

Frank hält ein Teil der Drehbank

Mit meiner Drehbank kann ich auf ein Hundertstel genau arbeiten, was für meine Zwecke völlig ausreicht. Es gibt aber auch Drehbänke, die gehen bis ins Tausendstel.

Detail Drehbank

Ich stehe auf alte Sachen, hier ist nichts mit CNC und computergesteuert. Diese Drehbank hier, die habe ich jetzt seit 10 Tagen, die kommt aus einem Krankenhaus in Rotterdam. Sie ist von 1967. Das ist ein deutscher Hersteller, der stellt heute immer noch her. Ich habe mit denen telefoniert, und sie sagen ja, haben wir 1967 nach Rotterdam geliefert.

Detail Drehbank

Das gute Stück wiegt 800 kg und bringt eine Ruhe mit! Eine große Laufruhe, man könnte gigantisch große Sachen damit machen. Ich mache ja nur kleine Sachen, aber sie bringt durch ihre Masse eben auch die Präzision.

Präzisionswerkzeug

Für das Holz habe ich zwei Regale. Eins draußen, ein Freiluftregal. Holz muss sehr, sehr lange an der frischen Luft ablagern. Je nach Durchmesser mehrere Jahre. Pi mal Daumen ein Jahr pro Zentimeter Dicke. Dann hole ich es rein. Da oben sieht man dicke Knollen liegen, das sind Bruyeremaserknollen. Was da links aufgeschnitten steht, ist eine Robinienmaserknolle. Solche Sachen kaufe ich im spezialisierten Holzhandel, der lagert zum Teil schon lange an der frischen Luft vor, aber ich lagere sie dann noch lange in der Werkstatt. Dann schneide ich sie mit der Bandsäge in Scheiben.

Bretter

So habe ich schon weniger Dicke, die noch lagern muss. Das Problem mit solchen Knollen ist, dass sie voller Fehler sind. Da sind kleine Steinchen eingewachsen, Wurzelstücke, da ist was faul, dann hat mal jemand einen Nagel eingeschlagen … die dollsten Sachen. Maserknollen sind ja im Prinzip Verwachsungen, eigentlich sowas wie Tumore, wo die Äste oder Blätter in alle Richtungen wuchern. Deswegen hat man viel mit Einschlüssen oder Brüchen zu kämpfen. Ich trenne sie auf, dann kommt Luft an Stellen, wo früher nie Luft war, Holz arbeitet reagiert auf die Luftfeuchtigkeit, deswegen muss es so lange ruhen. Aus den Scheiben schneide ich dann Kanteln.

Kanteln

Dann lagern sie wieder. Aus den Kanteln drehe ich Rundhölzer, die sieht man hier. Dann lagern sie wieder. Dann bohre ich die Rundhölzer auf und bringe sie alle auf einen genormten Durchmesser, weil es dann einfacher wird, sie zu spannen. Dabei gehen leider sehr viele kaputt. Kleinste Einschlüsse oder Haarrisse im Material führen zu sehr viel Ausschuss.

Rundholz

Teilweise arbeite ich mit exotischen Hölzern, seltenen Hölzern. Ich versuche, jedes Stück zu retten, aber manchmal gelingt mir das nicht. Einfach, weil es ein Naturprodukt ist. Die Industrie arbeitet natürlich anders, die nehmen Produkte, die verlässlich in Prozesse eingebunden werden können. Ich finde, die große Herausforderung besteht darin, die Natur spürbar zu lassen. Das Holz mit chemischen Mitteln zu stabilisieren, kommt für mich nicht in Frage.

Eine Hand an der Drehbank

Die farbigen Stangen hier, das ist kein Holz, das ist Ebonit. Ein Naturwerkstoff, der in den Zwanzigern entwickelt wurde, ich glaube, es war einer der ersten industriellen Kunststoffe. Aber eben ein Naturkunststoff, der besteht aus Kautschuk, der in einem ressourcenschonenden Verfahren aus Bäumen abgezapft und mit Leinöl und Schwefel versetzt wird, das macht ihn hart. Der industrielle, unsexy Begriff ist „Hartgummi“.

Ebonitrohlinge

Das hier ist Ebonit aus einer der letzten drei weltweit noch bestehenden Ebonitfabriken, die in Hitzacker an der Elbe sitzt. Da war ich und habe mir die angeguckt und mir die schönsten Stangen ausgesucht. Das Schöne an dem Werkstoff ist, dass auch hier sehr viel Handarbeit drinsteckt. Da werden Farbpigmente reingemischt, und dann wird das ganze vakuumgepresst und extrudiert. Jedes Stück ist ein Unikat. Darum geht es bei mir: Ich versuche, aus natürlichen Werkstoffen Unikate herzustellen. Das fasziniert mich.

Werkzeug

Als nächstes drehe ich aus dieser Stange eine Schraube. Meine Schrauben sind auch selbstgedreht. Das Holz wird innen ebenfalls mit einem Gewinde versehen, dann wird die komplette Schraube mit einem Kleber reingedreht, damit es hält. Dann ruht das Ganze wieder.

Metallteile

Dann bohre ich hinten ebenfalls ein kleines Gewinde in das Holz, und drehe diese Hülse dort rein, die ist innen und außen gewunden. Die wird ebenfalls fest verklebt. Und dann kommt die Mechanik. Das anachronistische Drehen an der Rändelschraube sorgt für sofortige Entschleunigung.
Die Minen für Kugelschreiber kaufe ich nach Kundenwunsch dazu. Mein Favorit ist die Gasdruckmine von Fisher Space Pen. Die schreibt immer: über Kopf, unter Wasser und auf fast allen Materialien. Der Legende nach hat die NASA hunderte Millionen ausgegeben, und für Flüge ins Weltall diese Mine zu entwickeln. Die Russen haben einfach einen Bleistift mitgenommen. Bleistifte möchte ich in etwa einem Jahr ebenfalls anbieten. Auch hier wird es kein neuzeitlich schnelles Geklicke geben, sondern eine traditionelle Zugspannzangenmechanik.

Holzrohling

Bei den Füllfederhaltern bin ich im Moment dabei, Prototypen zu fertigen. Da kaufe ich die Federn dazu. Das hier sind die ersten, die werden derzeit für mich hergestellt.

Federn

Ich habe mich für eine Fertigungsart entschieden, die so viel Zeit und Material verschlingt und auch industriell nicht effizient gestaltbar ist, dass es ewig dauert, bis so ein Stift fertig ist.

Frank hält einen Holzrohling

Damit gehe ich ganz zwangsläufig in eine hochpreisige Nische. Wie ein Maßschuster oder ein Maßschneider.

Fertige Schreibgeräte

Und in der Nische muss ich dann auch die besten Materialien bieten. Deswegen bin ich auch bei diesen Federn. Das ist die absolute Königsklasse, die sind aus 18 Karat Gold, aus massivem 750er Gold. Die werden mit meinem »Elbwood«-Logo geprägt, das braucht acht Monate Vorlauf. Das kann ich leider nicht selbst machen, es gibt nur noch zwei, drei Hersteller weltweit, die das machen. Da bestellen auch die Großen. Es ist eine Kunst, solche Federn zu prägen, zu stanzen, da steckt totaler Wahnsinn drin.

Schild "Nur im Stillstand schalten"

Die Farbvarianten entstehen durch die Beschichtung: rodiniert, roségold, gelbgold und Ruthenium. Ich bin da in eine Welt eingetaucht, das war mir vorher auch nicht klar, die total spezialisiert ist. Du kannst Federn unglaublich gestalten. Schriftbreiten, das kann man ja als Laie noch nachvollziehen: breit, medium, fein, extrafein.

Füller mit Feder

Es gibt aber auch unterschiedliche Schliffe. Ich glaube, vierzig oder fünfzig unterschiedliche Schliffe, für Linkshänder, für Rechtshänder, für Architekten, für Kalligrafen, für die wildesten Vorgaben. Ich biete erstmal nur vier Strichbreiten an, das reicht. Dann gehen diese Federn wieder in eine andere Spezialfirma, zu einem Meister, der montiert die Tintenleitsysteme, damit die Tinte ordentlich fließt, und dem zur Seite gestellt sind drei Schreiberinnen, die schreiben nach einem Alphabet die Federn ein. Sie legen den Füllfederhalter zwischendurch zur Seite, gucken, ob der Tintenfluss noch stimmt, denn die Tinte muss ja jederzeit sofort fließen, auch im Kabinendruck eines Flugzeugs. Die werden also von Hand eingeschrieben. Wusste ich vorher auch nicht, dass es das gibt. Das sieht ja relativ banal aus, die Technik, die hier drin ist, aber da steckt jede Menge figgelinsche Geheimniskrämerei drin.

Figgelinsche Details

Gefüllt werden die Füller mit ganz normalen handelsüblichen Patronen, oder wenn man möchte, Konvertern, die man aus einem Tintenfass aufzieht. Die Konverter kaufe ich bei derselben Firma, die auch die Tintenleitsysteme für mich montiert.

Füllerdetails

Am 27. Oktober habe ich den Laden eröffnet. Es geht im Laden viel um Atmosphärisches, danach ist der Raum auch gestaltet. Hier in der Werkstatt kommt ja keiner über den Hof marschiert und sagt: Kann ich mal einen Stift kaufen? Ich habe also überlegt, wo könnte ich meine Stifte verkaufen: Kunsthandwerkermärkte? Wo du in einer Preisspanne zwischen 40,- und 150,- € verkaufen kannst? Das kann es nicht sein, weil es ja unglaublich viel Zeit braucht, die Dinger herzustellen. Da kommt am Ende ein Stundenlohn von 2,25 € bei raus, das ist Käse. Macht keinen Sinn. Also habe ich gedacht, dann schieße ich besser ganz nach oben. Denn da ist, glaube ich, die Nische für die, die das Besondere suchen und auch bereit sind, es zu bezahlen.

Regal im Laden

Montblanc ist sozusagen der Branchenprimus, den man als erstes mit hochwertigen Schreibgeräten in Verbindung bringt. Da kostet ein Meisterstück ab 500,- €, und ich habe immer gedacht, das muss ich schlagen können. Bis mir jemand sagte, so ein Quatsch, Montblanc ist Masse, selbst wenn du das Meisterstück kaufst, dann kaufst du immer noch eins von Hunderttausenden. Es gibt die Läden an jedem Flughafen, an jedem größeren Bahnhof, in jeder hochwertigen Buchhandlung, jeder Papeterie sowieso. Montblanc verkauft Exklusivität, ist aber überall präsent. Mich gibt es nur hier.

Regal im Laden

Jedenfalls hat es mich dann gereizt, meine Schreibgeräte auch zu präsentierten. Also habe ich mich mit Ladengeschäften beschäftigt und habe ein Geschäft in der Hafencity gefunden, direkt an der Straße, die auf die Elbphilharmonie zuführt. Das habe ich ausbauen lassen, sehr reduziert, sehr klar, sehr materialbezogen, sehr hochwertig, aber ohne Blingbling. Die Lage ist natürlich schon Blingbling, aber der Inhalt ist eher hanseatisches Understatement. Deswegen auch „Hanseatic Penmaker“.

Logo der Firma

Das ist eine Lage, da strömen alle hin, das ist ein Symbol in Hamburg, da habe ich einen tollen, kleinen Schaufensterplatz, und darum geht es mir auch: Ich strebe keine Einzelhandelskarriere an, aber ich möchte ein Schaufenster haben in der echten Welt, neben den Schaufenstern, die ich in der virtuellen Welt versuche aufzubauen, Facebook, Twitter, Instagram, Webseite … irgendwann wird es einen Onlineshop geben, aber vor allem interessiert mich das Echte, das, was ich spüren kann. Ich verkaufe nun mal ein Produkt, das man in die Hand nehmen muss, das muss man spüren, damit man überhaupt versteht, was man da erwirbt, was das Besondere ist. Die Möbel wurden nach meinen Wünschen von Hendrike Farenholtz entworfen und gebaut. Ich finde, sie macht unglaublich hochwertige und schöne Sachen.

Detail Ladenregal

Ich habe sie auf der Messe für Kunst und Gewerbe gesehen und gedacht: Wenn ich mal einen Laden aufmache, dann will ich ihre Möbel. Und als ich sie anrief, ist sie bald durchs Telefon gesprungen vor Freude, war von dem Projekt sofort begeistert, Gott sei Dank auch von den Stiften! Da hat man ja doch ein bisschen Angst, bei einer so renommierten Künstlerin, dass sie es eventuell nicht gut findet.

Regal im Laden

Verpackung gehört dazu. Man möchte ja auch ein bisschen betüdelt werden. Deswegen haben wir den Laden auch nicht Laden oder Showroom genannt, sondern Writers’ Lounge. Da vermischt sich alles, was die Vorstellung von einem Schriftsteller ausmacht. Heutzutage schreibt natürlich kein Schriftsteller mehr mit Stiften, schon gar nicht mit teuren, aber früher, als das Rauchen noch legitim war, da hatten sie eine Pfeife oder Zigarre im Mundwinkel, haben Rum und Portwein in Massen getrunken und mit Füllfederhaltern geschrieben.

Lederhülle für Füller

Dieses Bild bediene ich. Und das alles, dieses Lebensgefühl: Werkstatt, Genuss – Schreiben hat ja etwas mit Genuss zu tun, mit Schöngeistigem – deswegen Lounge. Das klingt gemütlicher und auch ein bisschen cool. Es gibt natürlich keine Loungemöbel, es wird auch nicht Zigarre geraucht … Die Idee ist aber, sich mit Zeit hinzusetzen, aus dem großen Schrank, in den mit den Jahren immer mehr Materialien kommen sollen, seine Wunschkombination rauszusuchen, bei einem Glas Port oder einem guten Kaffee, und sich den Mut anzutrinken, sich so ein Schreibgerät zu gönnen.

Stifte und Portwein

Bei den Preisen kommt es natürlich erstmal auf das Material an. Die Kugelschreiber in den Nicht-Edelmetallvarianten – also Messing, Kupfer, Neusilber, Edelstahl, ich habe Schiffsschraubenbronze, das finde ich sensationell! Irre schwer zu verarbeiten, aber ganz edel und hanseatisch – fangen an bei 1500,- €. Ich arbeite mit einer Handelsvertretung für Juweliere zusammen, das Ziel ist, fünf Juweliere zu finden, die mitmachen, die diese Cases von mir bekommen und den Kunden in ihren Juwelierläden anbieten, ihre Einzelanfertigung auszuwählen und in Auftrag zu geben.

Goldfedern

Einzelne vorgefertigte Stifte werde ich auch direkt verkaufen, ich muss ja etwas ins Schaufenster legen. Wenn ein Tourist vorbeikommt, vom Kreuzfahrtschiff oder so, für die schnelle Mitnahme. Solche Stücke werde ich auch in einem Mini-Onlineshop anbieten. Ansonsten möchte ich im Laden auf Termine setzen, wie beim Maßschneider, da marschiert man ja auch nicht rein und sagt „ich hätte gern zwei Anzüge“, sondern macht einen Termin zum Maßnehmen. Ich punziere meine Schreibgeräte in der Tradition der englischen Silberschmiede mit meinen Initialen, dem Reinheitsgrad bei Edelmetallen und dem Buchstaben des Jahres, in dem der Stift hergestellt wurde. Das A steht für 2017, B für 2018 und so weiter.
Und dann wartet man im Moment zwischen sechs und acht Wochen. Wenn es gut läuft, werde ich die Wartezeit hochsetzen und nicht zwangsläufig die Produktion. Das ist erstmal das Ziel, es wirklich bei einer limitierten Menge zu belassen, ca. 100 Stück pro Jahr. Mehr nicht.

Goldfedern

Füllfederhalter fangen bei 1800,- € an, die haben ja zwangsläufig schon immer die Goldfeder mit drin. Nach oben sind keine Grenzen gesetzt. Wenn ein Kunde das möchte, kann ich auch alles komplett nach seinen Wünschen machen, es ist ja alles frei gestaltbar: Form, Farbe, Material, Mechanik … ich bin gut vernetzt mit Designern, Edelsteinfassern, Goldschmieden und Graveuren, sodass wir wirklich durch und durch individualisierte Schreibgeräte fertigen können.

Präzisionswerkzeug

Grundsätzlich könnte ich die Teile auch in Rumänien oder China bestellen und per Container liefern lassen. Aber das reizt mich gar nicht. Ich habe mir mit dieser Werkstatt etwas völlig anderes gebaut. Ich habe gemerkt, dass dieser Raum hier für mich sowas wie ein analoger Raum geworden ist. Natürlich habe ich mein Handy hier und höre darüber Musik, aber: es tut mir unheimlich gut, einen analogen Raum zu haben. Und diese alten Maschinen haben ein ganz anderes Gefühl als eine digitale Steuerung.

Franks Hände an der Werkbank

Mit computergesteuerten Maschinen könnte ich es nur über die Masse machen, aber da toben sich schon alle anderen aus. Deswegen reizt mich diese Nische. Die Produktion ist analog, aber meine Schreibgeräte ja auch. Komplett gegen den Trend. Jetzt ist das iPhone X rausgekommen, es gibt dauernd tolle neue Gadgets, und ich baue in derselben Preisklasse Kugelschreiber. Das ist ein bisschen wahnsinnig. Aber ich glaube fest daran, dass das richtige Schreibgerät in der richtigen Hand die Welt verändern kann.

Porträt Frank Pressentin

Webseite: Elbwood
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6 Kommentare

  1. Schön, echt schön, wenn man so »brennt«, für das was man tut❤

  2. Ich kannte »was machen die da« bisher nicht. Sehr schöne Sache das. Macht richtig Freude zu lesen.

  3. Und genau da lese ich übrigens am Freitag: Kommt alle, Stifte gucken! https://www.facebook.com/events/712430502300901/

  4. Ich finde die Idee ganz ganz toll. Leider passen die Stifte nicht in mein Budget. Ich wünsch dir viel Erfolg, aber verbieg dich nicht, wenn die Heuschrecken kommen.

  5. Zum weinen schön, dass es auch heute noch Menschen gibt, die so arbeiten. Erinnert mich etwas an Leute, die hochwertige Plattenspieler und Tonarme bauen. Materialien, Fertigungstoleranzen, Liebe zum Detail, der Blick für Kleinigkeiten, die dann doch so wichtig sind.
    Ich werde mir zwar nie einen der Stifte leisten können, aber es ist gut zu wissen, dass sie da sind, wenn ich es doch mal kann.

  6. Mich hat diese Begeisterung für die Einzigartigkeit schon bei deiner „Werkstattweihe“ fasziniert. Dieser Artikel hier bestätigt das auch wieder und die Bilder vom Laden sprechen ohnehin Bände. Ich glaube, ich muss mich vor Ort inspirieren lassen…
    beeindruckend anders!

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