Nicola Eisenschink, Trauerrednerin

Nicola Eisenschink

Ich spreche auf nichtkonfessionellen, weltlichen Trauerfeiern. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Leute nicht in der Kirche sind, sondern vielleicht einfach nur, dass sie mit der Kirche nicht mehr so viel am Hut haben und lieber einen weltlichen Redner haben möchte, der das oft deutlich individueller machen kann als ein Pastor. Vorher besuche ich die Leute zu Hause und spreche mit ihnen ab, wie sie die Feier gestaltet haben möchten, ob sie es biografisch haben wollen oder lieber mehr über das Wesen des Menschen hören möchten. Dazu müssen sie mir natürlich viel erzählen, und manches Mal habe ich schon Tränen gelacht mit den Hinterbliebenen, weil sie sich an eigenartige Geschichten erinnerten. Und geweint wird auch viel, logisch. Meistens schaffe ich es, nicht mitzuweinen, denn ich habe ja niemanden verloren. Aber es kann auch ansteckend sein, und dann bin ich auch berührt. Ich habe auch schon mit Tränen in den Augen am Rednerpult gestanden. Das ist aber ganz normal.

Schild Bestattungsforum

Früher konnte ich gar nicht vor Menschen reden, nicht vor mehr als zwei sehr guten Bekannten. Als ich anfing, Trauerrednerin zu werden, dachte ich: Was habe ich da denn jetzt gemacht. Ich wollte aber mit 50 Jahren noch mal etwas Neues beginnen, und irgendwie hat mich das gereizt: die Vorstellung, mit Menschen in solchen schwierigen Situationen umzugehen und ihnen darin helfen zu können. Es kam nicht aus einer eigenen Situation heraus, bei mir ist niemand gestorben, sondern ich habe zufällig eine Anzeige gelesen, mit der jemand einen Trauerredner suchte, und dachte, das könnte spannend sein. Also habe ich mich beworben, habe die Stelle bekommen und gemerkt, dass das mein Beruf ist. Ich war dann zunächst angestellte Trauerrednerin, das habe ich zwei Jahre gemacht, und dann bin ich in die Rednergemeinschaft Hamburg gekommen. Das ist ein Verbund freier Redner, wir haben den Vorteil, dass wir jemanden haben, der nur Bürodienst macht. Den rufen die Bestatter an, und er hat alle unsere Dienstpläne vorliegen und kann sagen: Ja, da hat Herr oder Frau Sowieso Zeit. Sie müssen also nicht zehn oder elf Redner abtelefonieren, die sie nie erreichen, weil sie gerade in Gesprächen oder auf Trauerfeiern sind.

Ein Grabstein

Wenn die Angehörigen jemand bestimmten haben möchten, dann sagen sie das natürlich, und dann sieht man, ob das hinkommt. Es passiert mit zunehmender Zeit, die ich dabei bin, immer häufiger, dass ich direkt angefragt werde. Oder dass die Bestatter sagen, Mensch, da habe ich jemanden, der passt genau, und mich schicken. Manch einer möchte zum Beispiel keine Frau. Andere möchten unbedingt eine Frau. Die Bestatter sind teilweise sehr konservativ, es ist nicht einfach, als Frau in diesen Beruf zu kommen, weil alle Bestatter erst mal denken, ich bin esoterisch und habe eine Piepsstimme. Wenn sie mich kennenlernen, stellen sie fest: Esoterisch eher nicht, Piepsstimme auch nicht, die packt auch mal an, wenn ein Sarg aufgesetzt werden muss oder sowas.

Ein Kreuz auf dem Ohsldorfer Friedhof

Ich mache pro Woche zwischen drei und sieben Trauerfeiern. Auf meine Psychohygiene muss ich nicht besonders aufpassen. Das darf man vielleicht gar nicht laut sagen, aber die Bestatter sind sehr fröhlich. Auch die Träger! Da werden Witze gerissen, da wird viel gelacht, aber natürlich hat man dann eine entsprechende Miene, wenn man den Angehörigen gegenübertritt. Aber ich bin ja nicht trauernd. Ich empfinde mich als Dienstleisterin. Mir hilft es, mir zu überlegen: was kann ich für die Menschen tun, die da traurig sind? Wie kann ich ihnen einen Weg in die Zukunft weisen und ihnen helfen, mit der Trauer fertigzuwerden? Wir haben Trauer und Tod nicht mehr so richtig im Leben. Das ist das Problem. Viele Leute sind völlig überfordert mit der Situation, wenn ein Angehöriger stirbt, und wissen gar nicht, was sie machen sollen, wie sie mit diesen vielen verschiedenen Gefühlen umgehen sollen. Da ist ja nicht nur Traurigkeit! Die möchten auch mal lachen, die möchten auch mal wütend sein. Das kommt alles in geballter Form, da kann ein Trauerredner mit seiner Rede Wege weisen, wie man damit umgehen kann.

Kompostbehälter

Das einzige, was ich jedes Mal sage, ist ein bestimmter Schlusssatz, damit der Bestatter weiß, jetzt ist sie fertig, jetzt können wir gleich die Tür aufmachen. Alles andere mache ich immer ganz individuell. Ich überlege mir für jede Gruppe von Angehörigen etwas Eigenes. Natürlich wiederholen sich auch Dinge, es gibt immer Bilder, die ich öfter mal wieder verwende, dann fallen mir gelegentlich mal neue ein … ich versuche, in meinen Reden sehr gegenständlich zu sein, damit die Menschen eine Vorstellung haben, was sie mit ihrer Trauer machen können. Zum Beispiel: Ich stelle mir vor, dass die Erinnerung wie ein Zimmer im Inneren ist. Da kann man alles hineinstellen, woran man sich erinnert, im Zusammenhang mit dem Menschen, den man verloren hat. Und immer, wenn man traurig ist, kann man in dieses Zimmer gehen. Oder so ähnliche Bilder. Damit etwas ganz Praktisches dabei herauskommt und die Leute etwas haben, woran sie sich festhalten können.

Eine Skulptur von Trauernden

Ansonsten gestalte ich die Rede um das herum, was die Leute mir erzählen. Ich versuche herauszufinden, was das besondere an diesem Menschen war. Viele Geschichten ähneln sich, wenn man von weit außen guckt. Kriegsgefangenschaft, vertrieben, so etwas. Aber wenn man genauer hinguckt, hat jeder Mensch etwas ganz Besonderes. Und das muss ich rausarbeiten, das ist meine Aufgabe.

"Hier grünt aus alten Mauern neues Leben"

Manchmal macht es einen Unterschied, wie alt der Verstorbene war. Manchmal stehe ich vor Angehörigen, die haben jemanden aus der Mitte des Lebens, oder vielleicht sogar ein Kind verloren, und da schwebt über allem die große Frage: Warum. Die kann man nicht beantworten. Da muss man noch sehr viel mehr Nähe herstellen, als wenn die 96jährige Uroma gestorben ist. Die durfte ihr Leben führen, war vielleicht schon lange krank, und alle sind vielleicht sogar froh, dass sie nicht mehr leiden muss.

Ein Grab

Ein ganz schwieriges Thema ist der Suizid. Da stellen sich die Leute immer die Frage: Hätte ich mehr tun können, hätte ich mehr tun müssen? Darüber spreche ich dann. Oft sagt der Bestatter mir schon beim ersten Anruf: Die Angehörigen wollen nicht darüber sprechen, dass es ein Suizid war. Dann gehe ich hin und sage: Warum eigentlich nicht? – Das ist uns unangenehm. Dann versuche ich, im Gespräch herauszufinden, ob es nicht auch hilfreich sein könnte, über diesen Suizid zu sprechen, über das, was damit einhergeht. Dass sich das ja oftmals schon andeutet, eine Lebensmüdigkeit, ein Unwillen, oder eine schlimme Krankheit. Eben das, was für die Angehörigen übrig bleibt, die Schuldfrage: Hätte ich etwas tun müssen, mehr tun müssen, etwas anderes tun müssen? Meistens tut es ihnen ziemlich gut, darüber zu sprechen. Oft stehen Angehörige vor der Trauerfeier mit ganz angespannten Gesichtern da, und während der Trauerfeier entspannen sie sich. Dann weiß ich, ich habe sie erreicht.

Ein Engel

Das Gefühl, meine Rede wäre völlig daneben gewesen, hatte ich noch nie. Tatsächlich noch nie! Ich habe auch keine Angst davor, dass mir das passiert. Ich denke, dass ich durch mein Lebensalter und durch meine Erfahrung, oder auch durch meine vorherigen Berufe, gut spüren kann, was die Menschen brauchen. Meistens spüre ich das in der ersten Sekunde. Ob sie etwas eher Sachliches wollen oder mehr Gefühl brauchen, mehr Trost oder mehr Heiterkeit. Ich habe auch schon ganze Trauergemeinden von 200 Leuten zum Lachen gebracht. Lautes Lachen! Das ist eigentlich das allerbeste. Wenn es passt.

Nicola Eisenschink & Isabel Bogdan

Vorher war ich Journalistin. Auch mit Leib und Seele! Aber da war kein Geld mehr zu verdienen, mit so Feld-, Wald- und Wiesenjournalismus, und ich dachte, jetzt ist noch gerade die Zeit, mich umzuorientieren. Mit 50 ist es nicht einfach, aber es geht. Jetzt mache ich das seit drei Jahren, und es war absolut die richtige Entscheidung, ich möchte nie wieder etwas anderes machen. Das Tolle ist, dass man ganz direkt bei den Leuten ist, und man kriegt auch ganz direkt etwas zurück, sie reagieren sofort, sie fallen mir um den Hals, oder sie bedanken sich hinterher schriftlich. Dann weiß ich, ob ich es richtig gemacht habe.

Grablichter

Ich bin sehr dankbar, wenn die Leute mir ihre Herzen und ihre ganzen Familien eröffnen. So oft kriege ich den Satz zu hören: Das erzählen Sie aber bitte nicht! Dann bedanke ich mich und sage: Schön, dass sie es mir trotzdem erzählen, denn ich kannte ja den Verstorbenen nicht. Und ich muss mir ein Bild machen. Sie können sicher sein, dass ich das nicht erzählen werde, aber für mein Bild von demjenigen ist es hilfreich.

Ohlsdorfer Friedhof

Es ist ein schwerer Beruf, aber es ist ein schöner Beruf. Wir Redner tauschen uns auch aus, reden über das, was uns beschäftigt oder belastet, wir treffen uns regelmäßig und können uns auch anrufen, wenn mal was ist. Aber das habe ich noch nie gebraucht. Mir reicht es, wenn ich auf meinem Hausboot sitze und auf die Elbe gucke.

Ohlsdorfer Friedhof

Ich gestalte die gesamte Trauerfeier, wie das bei einer konfessionellen Trauerfeier der Priester machen würde. Die Musik bespricht entweder der Bestatter vorher schon, oder ich mache das, wenn ich bei den Leuten bin. Und dann bespreche ich mit dem Bestatter, in welcher Reihenfolge wir das machen. Die eigentliche Trauerfeier dauert ungefähr eine halbe Stunde, das Vorgespräch veranschlage ich mit etwa einer Stunde. Das kann auch mal kurz sein, eine halbe Stunde, mal ganz lang. Manchmal sitze ich zwei Stunden oder länger bei den Angehörigen, je nachdem, wie sie das brauchen. Um die Rede zu schreiben, brauche ich inzwischen nicht mehr lange. Ich schreibe auch nicht mehr komplette Reden, sondern stelle meine Notizen um, das geht in einer halben Stunde, und wenn es etwas komplizierter ist, dann denke ich mir drumherum noch was aus, aber auch da kann ich die Fahrzeit nutzen. Wenn ich von den Leuten wegfahre, denke ich nach, was ich machen könnte, wie ich es aufbauen könnte, und dann ist die Rede im Prinzip schon fast fertig, wenn ich zu Hause ankomme. Das ist auch ein bisschen Übungssache, ich habe sogar Kollegen, die sich überhaupt nichts mehr aufschreiben. Die kommen mit einem kleinen Zettel, haben sich drei Notizen gemacht und reden dann frei. Das mache ich vielleicht in fünf Jahren auch.

Ohlsdorfer Friedhof

Ich schreibe auf meinem Laptop mit, was die Leute mir erzählen. Wenn meine Rede dann fertig ist, dann lege ich sie ab. Vor der Trauerfeier denke ich manchmal: Was war das denn jetzt noch für eine Familie? Aber sobald ich da reingucke, ist auch alles wieder da, dann könnte ich auch ohne Konzept reden. Natürlich habe ich die Daten dann nicht parat, aber was für eine Familie das ist, wie die gestrickt sind, was wichtig war, das habe ich im Kopf. Das ist komisch, aber liegt wahrscheinlich daran, dass die Gespräche immer sehr intensiv sind. Nach dem Vorgespräch bin ich oft vollkommen erledigt, sogar noch mehr als nach der Feier. Je nachdem, wie traurig die Leute sind. Wenn sehr viel Trauer in der Feier ist, bin ich danach völlig leer. Aber das macht nichts!

Weg auf dem Ohlsdorfer Friedhof

Manchmal komme ich auch wo rein und denke: Nee, hier möchte ich gerade nicht sein. Aber dann höre ich den Leuten zu und denke, mein Gott, die sind ja total nett. Ganz zu Anfang, als ich mit der Trauerrednerei anfing, da kam ich einmal in eine Wohnung und dachte, oh Gott, was sind das denn für Leute. Messie-Wohnung, völlig verqualmt, die Menschen ungepflegt. Und dann fingen sie an, über die Verstorbene zu reden. Das war die Oma und Uroma gewesen, und sie hat mit ihrer Demenz mitten in der Familie gelebt, und jeder hatte seine Aufgabe. Der eine ging jeden Tag mit ihr zu Bank, um zu gucken, ob ihr Geld auch da ist. Der andere ging mit ihr über den Markt, und so hatte jeder in der Familie eine Aufgabe, und die alte Frau lebte nicht im Heim oder auf einer Pflegestation, sondern bis zum Schluss mitten in der Familie. Und da habe ich gedacht, was für eine großartige Familie! Da war es mir dann egal, wie es dort aussah und wie die Leute aussahen, ich habe nur gespürt: Die haben ein ganz großes Herz. Das reicht mir dann. Es ist vielleicht zweimal in den drei Jahren vorgekommen, dass ich Familien hatte, wo ich dachte, ach, nee, muss nicht sein. Aber das mache ich trotzdem, jede Familie hat es verdient. Jede Familie braucht eine gute Rede, um die Trauer verarbeiten zu können. Manchmal ist es kompliziert, weil ich nicht rankomme. Wenn sie nichts erzählen, dann wird es schwierig. „Oma war ganz normal. Hobbys? Nee, hatte sie nicht.“ Und daraus soll man dann eine halbstündige Rede machen, das ist anstrengend.

Ein Grab

Es kommt auch vor, dass Leute ihre verstorbenen Angehörigen nicht leiden konnten. Das hatte ich kürzlich erst, da hat ein Sohn seine Mutter beerdigt, zu der er fast keinen Kontakt hatte, es war wohl ein schwieriges Verhältnis. Da muss man alles sagen, ohne es deutlich zu sagen. Wie im Journalismus, da darf man auch bestimmte Sachen nicht schreiben, aber irgendwie müssen sie trotzdem rein. Da muss man dann eine Lösung finden. Das geht aber, manchmal ist sowas eine sehr spannende Aufgabe.

Eine Skulptur auf dem Friedhof

Ich kann natürlich auch ein bisschen mithelfen, wenn von den Leuten selbst nicht viel kommt. Da kann man fragen, war sie warmherzig, oder hat er als Opa viel mit seinen Enkeln gespielt, und dann fällt den Leuten irgendwann etwas ein. Wie oft höre ich den Satz: Ich weiß gar nicht, was ich Ihnen erzählen soll. Dann sage ich: Lassen Sie mich mal machen, wir kommen schon weiter. Irgendwie kriege ich die meisten Leute ans Reden, und wenn die Tore erstmal offen sind, kommen die eigenartigsten Erinnerungen, die ich natürlich gerne aufgreife. Gerade so spezielle familiäre Erinnerungen, das kann ein Kuchen sein, der immer zu Geburtstagen gebacken wurde, oder irgendwelche Angewohnheiten, die der Verstorbene hatte, da gibt es tolle Sachen. Und dann muss man es so lebendig rüberbringen, dass die Leute hinterher fragen, ob ich die Verstorbene kannte. Das ist das größte Kompliment!

Urnenfeld

Das Lustigste, was mir mal passiert ist, war, dass ich in eine Gruft gerutscht bin. Eine Urnengruft, der Boden war weich. Mir tat das so leid, weil die Familie natürlich da steht, und wir setzen gerade ihren Angehörigen bei, und ich rutsche da in das Loch! Ich hatte wirklich Lust zu lachen, aber das durfte ich natürlich nicht und musste mich dann hinterher ganz hastig verabschieden und hinter einem Baum verschwinden, um erstmal zu lachen. Zum Glück habe ich mir nicht wehgetan dabei, und die Urne war auch noch nicht drin.

Ein Grab

Gräber

Man muss in diesem Beruf eine starke Affinität zu Menschen haben und darf sich vor dem Thema Tod nicht scheuen. Beim Bestattungsunternehmer hatte ich natürlich auch mal mit Toten zu tun, die da lagen, und die ich noch zurechtrücken musste. Das hat man als Trauerredner nicht. Wenn man Trauerredner werden möchte, kann man sich über unseren Bundesverband schulen lassen. Das wird sicher helfen, aber man muss auch eine gewisse Emotionalität und Sensibilität mitbringen. Na, das muss man in anderen Berufen auch. Textvermögen braucht man, und man darf keine Scheu haben, vor Menschen zu reden, obwohl das etwas ist, was am leichtesten zur Gewohnheit wird. Man braucht aber nicht irgendwelche Zertifikate oder so.

Haltestelle Ohsldorf

Es tummeln sich viele Trauerredner auf dem freien Markt, und wir in der Rednergemeinschaft haben einen guten Ruf, deswegen war es auch nicht so leicht, da reinzukommen. Man durchläuft ein richtiges Bewerbungsverfahren, und dann entscheidet die gesamte Rednergemeinschaft darüber, ob man diesen Menschen mal ein halbes Jahr zur Probe nimmt. Sie hören dann ja von den Bestattern das Feedback, und Bestatter sind immer sehr geradeaus, das sind ganz bodenständige Menschen. Wenn einer nicht gut reden kann, dann ist der schnell wieder verschwunden. Und dann wird noch einmal abgestimmt in der Rednergemeinschaft, ob man nun stimmberechtigtes Vollmitglied ist, und dann ist man drin. Wir haben halt einen Ruf zu verlieren.

Gräber

Wir empfinden uns alle als Kollegen, nicht als Konkurrenten. Natürlich guckt man mal, wieviel die Kollegen haben und wieviel man selbst. Aber jeder von uns ist so individuell mit seinen Reden, dass manchmal der eine besser passt, und das auch öfter, als der andere. So ist das. Und man muss sich in der Hamburger Bestatterszene, die ziemlich groß ist, aber auch sehr gut vernetzt, erstmal einen Namen machen. Dann wird man weiterempfohlen, auch unter den Bestattern. Da bin ich jetzt angekommen. Gott sei Dank! Die ersten Monate waren teilweise nicht so leicht. Wenn man dann im Winter auf dem kalten Hausboot sitzt und kein Geld mehr für die Heizung hat. Das ist nicht so schön.

Ein Grab

Ich habe selbst noch niemanden verloren, seit ich diese Arbeit mache. Ich habe auch keine Ahnung, wie es wäre, bei einer Beerdigung zu sprechen, auf der ich den Verstorbenen kenne. Meine Eltern wünschen sich das, und ich habe lange darüber nachgedacht. Aber da sie es sich so sehr wünschen, werde ich es irgendwie hinkriegen. Und wenn ich dann da vorne stehe und heule, dann ist das eben so. Das sage ich auch immer den Angehörigen, wenn sich einer mutig vorwagt und sagt, ich möchte gern selbst einen Brief an meine Omi vorlesen. Dann sage ich, das finde ich toll, und Sie können mir auch noch zwei Sekunden vor der Feier sagen, ob Sie es schaffen. Und wenn Sie es nicht schaffen, geben Sie mir den Brief, und ich lese ihn zu Ende, und ansonsten stehe ich neben Ihnen und halte Ihnen die Hand. Das sind immer die schönsten Momente bei solchen Feiern, weil niemand besser über einen Menschen sprechen kann als jemand, der ihn kannte.

Eine Skulptur von Trauernden

Man muss bei der Feier flexibel bleiben. Es kann immer mal sein, dass alles umgeworfen wird, und dann muss man darauf reagieren. Meistens schaffen die Leute es aber! Die ersten zwei, drei Sätze sind schwierig, aber dann geht’s. Dann konzentrieren sie sich darauf, was sie sagen möchten, und nicht mehr auf ihre Traurigkeit. Ich glaube, das hilft den Menschen, wenn sie es schaffen, selbst etwas zu sagen. 
Es ist ein sehr emotionaler Beruf, und das gefällt mir gut. Man gibt viel, und man bekommt ganz viel. Ich gucke mir bei der Feier die Leute an, sehe, ob ich sie erreiche, ob sie sich entspannen, ob sie nachdenken und ihren Weg der Trauer beginnen können. Und dann gehe ich nach Hause und denke: Ich habe den schönsten Beruf der Welt.

Ohlsdorfer Friedhof

Manchmal wird auf solchen Feiern auch gesungen. Das ist für mich leider ein großes Problem, weil ich überhaupt nicht gut singen kann. Ich singe dann laut und falsch, das ist eben so. Wie bei Pastoren auch. Gelegentlich wünschen die Leute sich auch ein Vaterunser, das mache ich natürlich auch. Damit habe ich keine Probleme, wenn sie das wünschen, dann sollen sie das haben. Sie sollen alles bekommen, was sie brauchen.

Eine Reh-Skulptur

Auf jeden Fall hat sich durch den täglichen Umgang mit dem Tod mein Verhältnis zum Tod auch verändert. Er kommt in meinem Leben jeden Tag vor, das geht den meisten anderen Leuten nicht so. Ich habe es immer wieder, dass die Angehörigen total erschöpft sind, weil sie den Verstorbenen lange gepflegt haben und furchtbar angespannt sind, und dann denke ich: wie schön, dass ich am Leben bin und nichts Schlimmeres habe als mal einen steifen Nacken.

Nicola Eisenschink

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6 Kommentare

  1. Ein wunderschönes, einfühlsames Interview! Und ein Thema, mit dem jeder irgendwann – früher oder später – einmal in Berührung kommen wird.

  2. Was für ein berührendes, mutmachendes, zartes und kraftvolles Interview! Hochachtung vor den Fragen und den Antworten!

  3. Ganz, ganz großartig geschrieben und ein tolles Thema. Und Hut ab vor dem Mut, mit 50 nochmal etwas ganz Neues, Anderes zu machen!

  4. Vielen Dank für dieses tolle Interview.

  5. Liebe Nicola, was für eine Freude, diesen Text zu lesen, wunderschön! Ich freue mich so für Dich, dass Du Deinen Traumberuf gefunden und ergriffen hast, es hört sich ganz, ganz herrlich an! Kann ich gut nachfühlen, ich bin auch so dankbar, jetzt als Therapeutin arbeiten zu dürfen, für mich gibt es nichts Schöneres. PTG adé ;))
    Danke für das tolle Interview, Frau Bogdan und Herr Buddenbohm!

  6. Das las sich schön und hallt noch nach.

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