Falk Schreiber, Kulturjournalist

Schauspielhaus

Ich komme gerade aus dem Kino, aus der Pressevorführung eines Kinofilms, aber sowas mache ich nur nebenbei. Das ist nicht mein typischer Berufsalltag, ich bin kein Filmkritiker. Der Film hieß „Oktober November“, ein österreichischer Film – junges, österreichisches Kino ist meine persönliche Liebhaberei, deswegen übernehme ich solche Filmtermine manchmal. Aber das läuft eher außer der Reihe.
Ansonsten ist mein Alltag gerade, dass ich für kulturnews und uMag die Konzeption für das Maiheft mache. Die gehören nicht direkt zusammen, erscheinen aber im selben Verlag. kulturnews ist kostenlos, uMag kostet Geld.
Konzeption heißt: Themenfindung. Was kommt in welches Heft, was machen wir überhaupt, in Absprache mit den anderen Redakteuren, was machen die … Ich schreibe also gerade verhältnismäßig wenig, weil der organisatorische Hintergrund läuft.
Wir sind sieben Redakteure, und wir sprechen alles untereinander ab. Ich bin Redakteur im Ressort Szene, das sind Film, Literatur, Theater, Kunst und im weitesten Sinne Gesellschaftsthemen. Dort betreue ich die Bereiche Theater und Kunst. Ansonsten haben wir im Heft noch Musik, Mode und ein wenig Technik.
In meinem Teil schreibe ich das meiste selbst. Die Literatur macht ein Fachredakteur, Film macht auch ein Fachredakteur. Die Themen entscheide ich relativ frei. Es gibt natürlich ein paar Faustregeln, das Heft soll zum Beispiel nicht nur von Frauen oder von Männern geprägt sein. Wir hatten mal ein Heft, in dem aus irgendwelchen Gründen fünf Leute interviewt wurden, die alle aus Bielefeld kamen. Das haben wir dann die Bielefeld-Ausgabe genannt, aber sowas sollte man eigentlich vermeiden. Es war natürlich reiner Zufall.

Feuilleton

Ich schreibe auch noch ein bisschen als Freier für andere Publikationen, das sind quasi zwei Paar Schuhe. Aber 80 bis 90% meiner Arbeitszeit sind in der Redaktion. Die freie Arbeit mache ich eher zum Spaß, vor allem für Theater heute, die Nachtkritik und ein bisschen für die Junge Welt. Und mal einen Katalogbeitrag oder sowas.
Ich kann mir natürlich nicht komplett selbst aussuchen, welche Theaterstücke ich bespreche. Bei der freien Arbeit ist immer die Frage, was ist denn von Interesse? Beispielsweise die große Eröffnung am Schauspielhaus, da musste ich lange herumgucken, bis ich das losbekam, weil sich die Freien und die Redakteure darum gerissen haben, das zu machen. Aber von solchen großen Ereignissen abgesehen kann ich es mir schon oft aussuchen.

Programmzettel

Studiert habe ich als erstes Mathematik. Aber das war eher … ein Fehler. Nach zwei Semestern habe ich gewechselt zu Literaturwissenschaft und Politikwissenschaft, aber im Beruf habe ich damit eigentlich nichts mehr zu tun. Was mir das Studium gebracht hat, ist eine gewisse Skepsis gegenüber Quellen. Zu wissen, bloß weil etwas irgendwo steht, muss es nicht stimmen. Ich habe auch noch ein paar andere Sachen ausprobiert, ich habe zum Beispiel überlegt, ob ich Lehrer werden soll. Und ich habe ein paar Praktika gemacht, beim Goethe-Institut und in Theaterdramaturgien. Studiert habe ich nichts mit Theater, aber gegen Ende des Studiums war schon klar, dass der Theaterbereich das Sinnvollste für mich ist.
Dass ich Journalist geworden bin, war dann Zufall, das hat sich einfach so ergeben. Nach dem Studium habe ich angefangen zu promovieren, auch weil ich nicht so richtig wusste, was ich machen soll. Und dann wurde das mit dem Schreiben immer mehr, und ich bekam einen Volontariatsplatz. Das war’s dann mit der Promotion. Seither mache ich das. Und das ist gut so! Ich mache das sehr gerne.
Nach dem Studium habe ich ein Jahr lang als Lokaljournalist gearbeitet. Im Taunus. Gemeinderatssitzungen und solche Geschichten. Und das machte keinen Spaß, das interessierte mich nicht. Es interessierte mich nicht, was der Gemeinderat da besprach, mich interessierte auch nicht, dass der Bürgermeister alle zwei Tage in der Redaktion stand und sich beschwerte, dass er auf einem Foto nicht so toll getroffen war, ich mochte die Gegend nicht, ich mochte eigentlich überhaupt nichts. Was ich jetzt mache, ist etwas ganz anderes.

Thalia Theater

Am liebsten mag ich immer die Vorbereitung. Nicht unbedingt auf einen konkreten Theaterbesuch, aber die Vorbereitung auf ein Thema. Ich führe ja auch viele Interviews, meistens mit Künstlern; mich da reinzufräsen, mich damit zu beschäftigen, was die machen, was ihr Thema ist, das finde ich eigentlich das Spannendste. Herauszubekommen: interessiert mich das? Was interessiert mich daran? Dass es mich dann gar nicht interessiert, passiert recht selten. Oder nein, eigentlich nie.
Vielleicht mag ich die Vorbereitung deswegen so gern, weil ich mich gern mit der Materie beschäftige. Ich gehe ja auch nicht ins Theater, weil ich einen Abgabetermin habe, sondern weil es mich freut, in einem Stück zu sitzen und gutes Theater zu sehen. Das nutzt sich auch nicht ab. Ich hatte auch nie ein Problem mit Abgabeterminen, ich schreibe verhältnismäßig schnell, und dann läuft das schon.
Ich habe eine sehr hohe Meinung von Künstlern, und zwar unabhängig davon, dass das, was sie machen, dann auch blöd sein kann. Aber mir macht es großen Spaß, mich mit dem zu beschäftigen, was ein Künstler tut. Wahrscheinlich gilt das für jede Kunstform, wobei es schon so ist, dass ich vom Theater und mit Einschränkung von bildender Kunst am meisten verstehe. Das heißt, da ist mir der Zugang am leichtesten. Tanz vielleicht auch noch. Mich interessiert auch Popmusik, aber da ist mein Zugang nicht so leicht wie zu einer Inszenierung.
Die Oper fällt ulkigerweise raus, das würde ich tatsächlich nicht machen. Mangels Kenntnis. Das fände ich auch … naja, um irgendwas dazu zu sagen, braucht es nicht mich, dafür muss ich kein Geld nehmen. Das klingt jetzt komisch, weil ich immer sage, dass das Theater etwas ist, was jedem offensteht, jeder sollte sich das mal angucken. Aber ich selbst sage dann genauso: in die Oper gehe ich nicht. Weiß nicht, vielleicht ist mir da auch das Ambiente ein bisschen zuwider. Da wird man ja schon scheel angeschaut, wenn man so herumläuft wie ich. Na gut, in Berlin vielleicht nicht. Aber in Hamburg?

Hamburgische Staatsoper

Verrisse schreibe ich fast nie. Ich schreibe sicherlich mal, dass ich etwas nicht so toll fand. Aber ich bin weder ein Hochlober, noch ein Verreißer. Das wird mir auch manchmal vorgeworfen. Wenn ich abends mit meiner Frau aus einem Stück komme, dann sage ich vielleicht, boah, war das toll, und wenn ich den Text denn fertig habe, sagt sie: naja, als du da rausgekommen bist, klang das aber ganz anders.
Kritisch bin ich schon, aber ich habe keine Freude am Abwerten. Häme liegt mir nicht. Ich würde es auch fies finden, denn ich weiß ja, dass ein Künstler da Arbeit reingesteckt hat. Ein Schauspieler hängt in der Regel acht Wochen intensiv in der Probenzeit, der Regisseur braucht bis zu einem Jahr. Und dann komme ich, gucke mir das Ganze an und schreibe in ein paar Stunden was runter. Da gibt es keinen Grund, hämisch zu sein.
Normalerweise schreibe ich über alles, was ich gesehen habe. Da habe ich natürlich auch ein ökonomisches Interesse dran. Aber theoretisch könnte ich auch sagen, tut mir leid, das gab nichts her. Es gibt auch Sachen, zu denen man einfach etwas machen, weil sie so wichtig sind. Wenn die FAZ und die Süddeutsche was drüber machen, dann würde sich Theater heute in eine komische Position setzen, nichts darüber zu bringen.

Nachtasyl (Bar)

Wenn ich privat über ein Theaterstück mit dir rede und ausreichend Getränke dabei habe und niemand am nächsten Tag rausmuss, dann kann ich stundenlang darüber reden. Beruflich ist die Seite irgendwann voll. Ich bemühe mich aber in meinen Texten, meine Person nicht draußen zu lassen. Es geht immer darum, wie ich etwas empfinde, auch aus Fairness. Selbst wenn mich ein in Tränen aufgelöster Künstler am nächsten Tag anrufen würde, hätte ich noch die Möglichkeit zu sagen, das ist ja nur meine persönliche Meinung, es gibt sicher andere Leute, die das anders sehen. Allerdings habe ich so ein Feedback nie. Ich hatte schon mal die Reaktion, dass Leute sich falsch wahrgenommen fühlen. Aber es war noch nie jemand am Boden zerstört. Eher hat mal jemand „Arschloch“ zu mir gesagt.

Falk Schreiber

Wenn ich ins Theater oder in eine Ausstellung gehe, auch privat, dann bereite ich mich vor und lese vorher etwas darüber. Sonst wäre mir auch die Zeit zu schade. Andere Leute zahlen ja sogar Eintritt! Die informieren sich doch schon, damit das Geld nicht zum Fenster rausgeschmissen ist. Und dann gehe ich auch mit einem positiven Gefühl hinein. Wenn ich mit einem negativen Grundgefühl reingehen würde, mit der Einstellung „mal sehen, was sie jetzt wieder für einen Scheiß gemacht haben“, dafür ist der Job zu schlecht bezahlt. Als Schmerzensgeld funktioniert es nicht. Ich nehme die schlechte Bezahlung hin, weil es mir so großen Spaß macht.
Ich betreue auch immer mal Praktikanten. Wenn ich den Eindruck habe, dass sie Talent haben, dann suche ich das Gespräch und sage ihnen das: dass sie was können. Ich rate ihnen aber trotzdem, es sich gut zu überlegen, ob sie wirklich in den Beruf wollen, denn der Beruf ist ökonomisch nun mal kein Vergnügen. Und es ist überhaupt keine Selbstverständlichkeit, dass man jemals Redakteur wird. Das wird mehr oder weniger von Monat zu Monat schwieriger.

Statue Maurice

Was manchmal ein bisschen nervt, ist, Interviews am Ende in die Form zu bringen, in die sie kommen sollen. Überhaupt erstmal: Abtippen! Da hat man womöglich ein richtig beglückendes Gespräch mit einem tollen Menschen geführt, und beim Abtippen merkt man, der hat mich vollkommen um den Finger gewickelt, und ich kam überhaupt nicht dazu, das zu fragen, was ich fragen wollte. Dann bringt man es in eine lesbare Form, lässt es autorisieren, und dann stellt man fest: alles, was ich interessant fand, streicht er mir raus. Das ist blöd.
Wenn man ein Interview führt und jemandem gegenübersitzt, dann wird da in kürzester Zeit ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Natürlich kann derjenige trotzdem hinterher denken, dieser Falk, der war doch eigentlich ganz nett, und jetzt hat er aus dem Gespräch ausgerechnet das hier rausgezogen! Dabei war es gar keine böse Absicht, natürlich nicht. Mit böser Absicht gehe ich an nichts ran.
Meistens ist es so: ich komme vom Interview zurück und denke, das war jetzt richtig klasse. Bei der Verschriftlichung stelle ich dann fest, nee, so klasse ist das doch nicht. Oder ich komme zurück und jemand fragt, wie war‘s, und ich sage, naja, bisschen dröge, und beim Abtippen merke ich, doch, das gibt einiges her.
Aber ich lasse mich auch gern um den Finger wickeln! Wenn ich jemandem gegenübersitze, der mich einfach bezaubert, dann lasse ich das gerne zu und versuche es auch im Text unterzubekommen. Es gibt eine Schauspielerin, die mal hier am Thalia gespielt hat, Maren Eggert, da saß ich beim Interview die ganze Zeit eigentlich nur da und dachte: ist mir egal, was du erzählst, sprich einfach weiter. Notfalls kannst du vielleicht auch zählen oder sowas.

Astrabuddel

Was ich an meinem Beruf auch gerne mag, ist das In-der-Redaktion-sitzen. Das hat unabhängig vom Ökonomischen noch etwas anderes für sich, denn man hat einfach ein direkteres Feedback, als wenn man als Freier Texte in eine Redaktion schickt. Das ist ein großer Vorteil von Redaktionen. Es gibt ja Verlage, die ihre Redaktionen aufgelöst haben, sie haben ein paar Ressortleiter eingesetzt und arbeiten ansonsten nur noch mit Freien. Die anscheinend ganz gut bezahlt werden, aber es gibt keine angestellten Redakteure mehr. Das finde ich problematisch. Die Freien sind nicht vor Ort, sie sitzen nicht in einem Büro, höchstens mal tageweise, aber da gibt es keinen Austausch. Und den halte ich für einen unglaublichen Vorteil.

Falk Schreiber

»Es gibt eine Schauspielerin, die mal hier an diesem Haus gespielt hat, Maren Eggert, da saß ich beim Interview die ganze Zeit eigentlich nur da und dachte: ist mir egal, was du erzählst, rede einfach nur weiter. Notfalls kannst du vielleicht auch zählen oder sowas.«

7 Kommentare

  1. Ich bin bestimmt nicht die einzige, die nach lesen dieses Textes als erstes Maren Eggert gegooglet hat… ;)

    • Ich lauere in solchen Fällen ja drauf, ob Maren Eggert einen Google Alert auf ihren Namen hat und hier auftaucht. Aber wahrscheinlich würde sie dann nichts dazu sagen. Hihi.

      Man kann sie übrigens auch aus diesem schönen Lied kennen:

    • :-))

  2. Maren Eggert fand ich auch schon immer toll. Das ist doch die Psychologin im Tatort mit Axel Millberg gewesen..
    Mit gefällt Dein Text,Falk!

    • Danke, Annette – aber das Lob geht besser an Isabel und Maximilian, die haben ja in Form gebracht, was ich vor mich hin murmelte.
      Maren Eggert war als »Tatort«-Darstellerin toll, keine Frage. Aber im Hauptberuf macht sie Theater, zur Zeit am Deutschen Theater in Berlin, wo man bei Gelegenheit auch mal wieder hinfahren könnte.

  3. Ich (in der sog. Popmusik, Abt. Nische) tätig, in den siebziger Jahren habe ich durchaus hier und da auf allzu blöde (oder, aber leider selten: auf besonders gute) Kritiken reagiert, also den Schreiber kontaktiert. Die Reaktion war immer nichtssagend. Bei »blöden« war natürlich Unverständnis die Regel – wär es anders, hätte er ja nicht »blöde« geschrieben. Mit den, die schreiben können und sich auch um die Fakten kümmenr, bin ich bis heute gerne in Kontakt. Es sind aber nur zwei. Zum ersten Mal fiel mir auf, dass »Pop«-Journalisten auch gut sein können, bei einem Besuch (und Konzert) in der DDR, kurz vor dem Zusammenbruch dieses Landes: deren Fragen waren sinnvoll, die hatten sich vorbereitet, die nahmen die Musik ernst, die waren schlicht: seriös.
    Das waren wir in den Jahren zuvor »im Westen« überhaupt nicht gewohnt. Das war ein Unterschied wie Franz-Josef Wagner (West) zu Heinz Knobloch (Ost).

    ( Mit »blöde« Kritik mein ich nicht negative, sondern richtig schlecht geschriebene, ahnungslose, falsche Fakten bringend, verschwurbelte, absurde; siehe z. B. diese kleine launige Sammlung hier: http://bit.ly/1jJUNEs )

    • Ich würde mir ja häufiger Wünschen, dass ich eine Reaktion auf meine Texte bekomme, gerne auch kritisch. Meist kommt da eber nichts …
      Das mit dem Qualitätsgefälle in der Popkritik ist, glaube ich, ein wenig im Genre begründet. Viele Popmusikjournisten kommen aus einem Fankontext, und dieses Fantum (das durchaus häufig mit ziemlich viel Fachwissen einher geht) sorgt manchmal dafür, dass man grundsätzliches Handwerkszeug außen vor lässt – und dann entstehen Stilblüten wie in deinem Link geschildert. Stilblüten, wie sie mir bei den Kolleg_innen aus der E-Kultur weniger häufig auffallen.

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