Mirja Regensburg, Comedian

Mirja Regensburg

Ich unterhalte Menschen. Ich bin Komikerin, Entertainerin, Sängerin, Schauspielerin, Moderatorin. Das alles habe ich jetzt in eine Kunstform gebracht und trete mit meinem Soloprogramm »Mädelsabend – jetzt auch für Männer« im deutschsprachigen Raum auf. Und auch in Kurzauftritten in Comedyshows. Davor war ich Mitglied der Springmaus in Bonn, das ist Deutschlands bekanntestes Improtheater, da war ich zwei Jahre dabei. Das ist das größte und vor allem älteste Improtheater, es wurde vor dreißig Jahren von Bill Mockridge gegründet. Und ein Jahr war ich auch Mitglied bei Instant-Impro in Bremerhaven.

Das heißt, ich bin immer viel unterwegs, ich verbringe viel Zeit in Zügen. Letztes Jahr hatte ich 136 Auftritte, das ist schon viel. Es war auch eine längere Varietémoderation dabei, das habe ich zum ersten Mal gemacht. Das war der erste Job, wo ich all diese einzelnen Handwerke verbinden konnte. Ich habe moderiert, gesungen und Stand-up gemacht.

Beschriftung Reihe 1 in Schmidts Tivoli

Jetzt bei der Soloshow mache ich das im Prinzip auch, nur dass ich nicht auch noch den nächsten Handstand ansage und mir dazu etwas überlege und den Teppich baue für andere Künstler. Eine Show zusammenzuhalten, braucht noch mal eine andere Energie; andere Künstler groß zu machen und anzukündigen, ist eine andere Form. Aber in meinem eigenen Programm versuche ich auch, alles zu vereinen. Schauspielerisch ist da nicht so viel drin, weil ich vor allem als Mirja auftrete. Ich habe nur einmal kurz eine »Figur« drin, eine osteuropäische Grand-Prix-Sängerin aus dem uns allen unbekannten Land Moldoslowanien, die Ivana Snirski. Ansonsten bin ich ich.

Was ich auf der Bühne erzähle, das nehme ich aus meinem Leben. Was die Frau um die dreißig so beschäftigt – ich werde jetzt zwar vierzig, aber vom Entwicklungsstand bin ich ungefähr bei 24 stehengeblieben. Außerdem ist vierzig das neue dreißig. Ich erzähle, was so passiert. Aus meinem Privatleben, von meinen Krankheiten … Mein Programm ist so strukturiert, dass die erste Hälfte das Thema »ich bis heute« hat, in der zweiten geht es um den normalen Alltagswahnsinn. Zwischendurch wird sehr viel improvisiert, ich rede gerne mit dem Publikum, ich gucke, was passiert, wer da sitzt und mache viel ganz klassische Stegreif-Comedy.

Sessel 13 in Schmidts Tivoli

Angst, dass mir nichts einfällt, habe ich nicht. Überhaupt nicht.

Naja, jein. Bei der Premiere ist etwas passiert. Es gibt eine Nummer mit einem relativ hohen Risiko, weil wir da jemanden anrufen, der aus dem Publikum vorgeschlagen wird. Das hat bei allen Vorpremieren und in allen Mix-Shows sensationell geklappt, aber bei der offiziellen Premiere hat es nicht geklappt. Erst wollte keiner mitmachen, und als wir dann schließlich doch jemanden angerufen haben, war er nicht da, und es ging auch keine Mailbox ran. Das ist natürlich worst case. In der Situation ist mir auch nicht so richtig cool was eingefallen, da braucht man dann eigentlich so ein-zwei Oneliner für den Notfall. Aber dass keiner ans Telefon geht, darauf war ich nicht vorbereitet, eine Mailbox ging eigentlich immer ran. Da habe ich dann meistens etwas gereimt oder gesungen, was Spontanes über die Person. Die Angst, dass mir in dem Moment nichts einfällt, habe ich nicht. Der Reim kommt von allein, da darf man nicht zu viel drüber nachdenken.

Mirja Regensburgs Hand am Mikro

Beim nächsten Mal gibt es ein Sicherheitsnetz, da habe ich dann einen Zweizeiler parat für den Fall, dass ich niemanden erreiche.

In der Show mache ich auch immer ein Improlied über jemanden aus dem Publikum. Das ist völlig frei improvisiert. Es hat natürlich eine Struktur, die immer gleich ist, denn ich singe das im Halb-Playback, und ich frage vorher immer mindestens fünf, sechs Sachen ab. Aber ich habe es schon für Männer gesungen, für Frauen, für Paare, gestern für ein frischverliebtes Pärchen, die waren noch ganz jung, da habe ich für beide gesungen. Da bekommt man natürlich automatisch viel mehr Antworten, die man unterbringen muss.

Sessel 8 in Schmidts Tivoli

Organisatorisch läuft alles über meine Agentur, die Gott sei Dank alles für mich regelt. Ich muss mich um nichts kümmern. Meine Aufgabe ist nur, neue Sachen zu schreiben, lustig zu sein und gutgelaunt zum Auftritt zu fahren. Wir haben synchronisierte Kalender, in dem Sachen aufpoppen oder verschoben werden, das machen die alles für mich. Sie sind mit meinem Handy und meinen Geräten synchronisiert, und wenn was kommt, dann steht das da drin, und das Briefing kann ich da auch gleich lesen. Wenn ich weiß, am Mittwoch spiele ich mein Solo in Hannover, dann steht da schon drin, wie viele Karten verkauft sind, wann ich da sein muss, wann Soundcheck ist, was ich wissen muss, wo mein Hotel ist. Das Einzige, was ich dann noch machen muss, ist meine Anreise organisieren, die Bahnfahrt buchen oder ein Auto mieten. Alles andere machen die. Wenn ich selbst vorhabe, ein Wochenende wegzufahren oder so, dann muss ich das rechtzeitig blocken. Gerade Wochenenden sind natürlich meine Hauptarbeitszeit, oder auch die Weihnachtszeit, Feiertage, also immer dann, wenn alle chillen, habe ich Hauptkampfzeit. Und im Sommer habe ich nicht so viel zu tun.
In den letzten Jahren hatte ich allerdings auch im Sommer was zu tun, durch den Sommernachtstraum in Hannover, das war das letzte Musical, das ich noch gespielt habe. Das gibt es jetzt nicht mehr, aber vielleicht wird es das wieder geben. Wir waren ein Shakespeare-Musical-Ensemble, das in den Herrenhäuser Gärten gespielt hat, open air im Barocktheater.

Mirja Regensburg schminkt sich

Als ich sechs Jahre alt war, habe ich gesagt, ich will Komikerin werden, weil ich mit meinem Papa auf dem Bauernhof beim Treckerfahren immer Witze gerissen und Lieder gesungen habe. Dann habe ich aber erstmal eine Ausbildung als Groß- und Außenhandelskauffrau gemacht, weil meine Eltern gesagt haben, lern erstmal was Anständiges, wie man das früher halt so gesagt hat. Und dann wusste ich nicht … ich wollte auf jeden Fall auf die Bühne, aber das, was ich machen wollte, gab es nicht. Zumindest kannte man das auf dem Land nicht, es gab keine Bezeichnung dafür. Also habe ich überlegt, ob ich Schauspiel oder Gesang studiere, und daraus ist dann Musical geworden. Nicht aus einer echten Leidenschaft heraus, weil ich Musicals so toll finde oder so gerne tanze, sondern weil es einfach die Ausbildung war, die am breitesten gefächert war, um mich dem, was ich gern mache, näher zu bringen. Ich hatte aber noch nie eine Ballettstange persönlich gesehen.

Mirja Regensburg im Interview

Also habe ich Musical gelernt und den Beruf auch sieben Jahre lang ausgeübt. Aber sehr schnell festgestellt, dass mir immer so langweilig wird, und dass ich ungern vorgefertigte Sachen sage. Ich habe über die Jahre einfach festgestellt, dass meine Kernkompetenz in der Spontaneität liegt und nicht im außergewöhnlichen, nie dagewesenen Gesang oder Schauspiel. Und ich glaube, wenn man irgendwann erkennt, was man von all diesen Sachen am besten kann, dann ist das das Richtige. Ich hatte immer den Wunsch, selbst bei Musicals, die ich gerne gespielt habe, kurz mal auszusteigen und mit dem Publikum zu reden: Gefällt’s Ihnen? Sind Sie müde? Soll ich Ihnen noch ein paar Nüsse bringen?

Und auch mal runterzugehen von der Bühne, auszubrechen aus der vierten Wand. Deswegen bin ich auch in der Comedy gelandet, weil ich die Publikumsansprache so gerne mag. Mir ging es gar nicht darum, dass ich mich selbst so gern über meine Geschichten labern höre, wie der klassische Stand-upper ja eigentlich arbeitet, sondern weil ich so direkt mit dem Publikum arbeiten kann.

Mirja Regensburg auf der Bühne

So bin ich über die Comedy-Improvisation in der Comedy gelandet. Auch durch sehr viele Zufälle, weil ein Regisseur beim Sommernachtstraum mich mal zur Seite genommen hat und gesagt hat: Mirja, wenn du improvisierst, bist du so lustig! Da bist du einfach viel besser, als wenn du die Helena im Sommernachtstraum spielst. Das machst du auch toll, aber das andere ist wirklich sehr gut. Guck doch mal, ob du da was machen kannst. Und so kam es über viele weitere Zufälle, dass ich erst in Köln und dann bei der Springmaus in Bonn gelandet bin.

Wie ich da hingekommen bin, das war wirklich wie im Film. Ich habe mir in Bonn die Springmaus-Show angeguckt. Das kannte ich natürlich, weil viele Prominente, die man so kennt, daraus hervorgegangen sind, das war mir ein Begriff. Ich habe mir das angeguckt, war total begeistert, und habe in der Pause an der Bar mit jemandem über Heuschnupfen und Kreuzallergie mit Nüssen geredet und war voll im Thema. Wir haben sehr viel gelacht. Irgendwann am Ende des Gesprächs habe ich ihn gefragt, wer er ist, und da sagt er, er ist der Geschäftsführer der Springmaus. Und fragt mich, wer ich denn bin, und da habe ich gesagt, ich bin Mirja, und ich hatte gestern meinen ersten Improauftritt für die Nordrheinwestfälische Friseurinnung. Der Komiker Sascha Korf hatte mich da mit hingenommen und mir vorher in einer Kölsch-Kneipe die Improspiele erklärt. Mit Streichholzschachteln. Dann haben wir diesen Auftritt gemacht, und das war sehr gut. Er war an dem Abend in der Springmaus auch dabei, und sagte zu dem Geschäftsführer: Sie ist sensationell. Sascha war zu der Zeit schon ziemlich bekannt und erfolgreich, vor allem bekannt als sehr guter Improspieler. Da sagte der Geschäftsführer: Wir suchen gerade jemanden für eine längere Vertretung. Kannst du morgen zum Casting kommen? Da habe ich erstmal gesagt, nee, geht nicht, ich muss zurück nach Hamburg, ich arbeite in einer Boutique. Und ich habe den Schlüssel! Das war 2006, und ich werde nie vergessen, wie ich in der Frohngasse in Bonn mit meinem uralten Handy mit sterbendem Akku tausend Leute angerufen habe, andere Aushilfen, ob sie für mich morgen um zehn den Laden aufschließen können. Dann habe ich über meine Nachbarin, die Zugang zu meiner Wohnung hatte, den Schlüssel organisiert. Das hat auch alles geklappt, ich bin morgens um zehn zum Casting gegangen und hatte wirklich überhaupt keine Ahnung. Ich habe das alles intuitiv gemacht, ich hatte überhaupt keinen Schimmer, nie einen Workshop gemacht, einfach so gemacht, wie ich dachte, und dann haben sie mich genommen. Das war für alles der Türöffner, weil die Springmaus einfach für Qualität steht. Und weil ich da viel lernen konnte, sehr viel, vor allem: Mut zu haben, mich zu trauen, mich fallen zu lassen. Für mein Solo hat mir das total viel gegeben, aus dem ich heute schöpfen kann.

Mirja Regensburg auf der Bühne

Das waren die Grundlagen, die Impro und der Gesang. Stand-up ist das Element, das ich mir als letztes erarbeitet habe und noch weiter erarbeite. Am Anfang noch mit Autorenhilfe, jetzt inzwischen alleine, weil ich erstmal kapieren musste, wie das funktioniert, wie man so etwas eigentlich schreibt. Dass ich sagen kann: Mirja macht Stand-up und singt nicht nur was Lustiges, das mache ich seit ein-zwei Jahren. Dass ich auch echte »Nummern« habe.

Am liebsten mache ich das, was ich jetzt als Neustes habe. Bei ein paar Nummern muss ich aufpassen, da wird mir schnell langweilig, weil ich die schon so oft gespielt habe. Da die Lebendigkeit drin zu behalten, ist schwierig; es muss ja immer wieder so klingen, als würde ich das gerade zum ersten Mal erzählen. Das ist eine viel größere Herausforderung als im Schauspiel, weil der Ton ein anderer ist. Wenn ich eine neue Nummer habe, macht die mir sehr viel Spaß. Im Moment habe ich viele regionale Sachen im Programm, über Nordhessen, wo ich herkomme, diese Eigenarten, auch charakterlich, die spiele ich nach. Ich erzähle, was Menschen aus Nordhessen ausmacht, nämlich nichts. Und dann über die Rheinländer … jetzt schreibe ich das natürlich wieder um auf Norddeutschland, weil ich gerade von Köln wieder nach Hamburg gezogen bin. Daran habe ich Spaß, das interessiert mich auch, wie Menschen in Regionen sind. Das ist das Schönste, wenn ich auf Tournee bin, die Leute anzuquatschen, sie kennenzulernen, wie sind die, wie reden die.

Mirja Regensburg auf der Bühne

Fernsehen habe ich auch gemacht, sogar ziemlich viel. Mein erstes Casting war für »Zack! Comedy nach Maß«, eine Sketchcomedy. Die haben mich genommen, und dann habe ich viele Sketchserien gemacht, 2007-2009, als es so viele Sketchcomedys gab. Da war ich dann halt Schauspielerin, da habe ich nicht als ich agiert. Dann war ich öfter als Gast bei »Genial daneben« und in einigen anderen Shows. Mit Cindy aus Marzahn habe ich auch ein paarmal gedreht, und ein paar eigene Sendungen gemacht, auf WDR und auf ZDFneo.

Mirja Regensburg auf der Bühne

Das Thema Fernsehen ist auch noch auf keinen Fall durch, ich habe nur meinen Fokus verlagert. Bis vor Kurzem war ich bei einer eher fernsehausgerichteten Agentur, wollte aber endlich mein Soloprogramm fertig kriegen und es auf die Bühne bringen. Da muss man einen anderen Weg gehen und die berühmte Ochsentour machen: spielen, spielen, spielen. Und ein Produkt für den Kleinkunstmarkt haben. Ich habe mir also eine andere Agentur gesucht, die das als Fokus hat, und mit der ich jetzt mehr als genug zu tun habe. Außerdem gibt es nicht mehr viele Sketch-Serien im Fernsehen. Wenn ich jetzt Sachen von mir sehe, die ich vor ein paar Jahren gedreht habe, finde ich das okay, finde mich selbst aber … naja, man findet sich eh immer nicht so gut, aber ich finde, es gibt andere, die viel besser Sketche spielen können als ich. Martina Hill oder Anke Engelke, das sind tolle Schauspielerinnen! Und meine Kernkompetenz ist eben eher die Situationskomik. Solche Sendungen würden mich interessieren, das ist auch das, was ich zuletzt noch im Fernsehen gemacht habe, mit Ingolf Lück zusammen. Das sind Sendungen, die zu mir passen, in denen ich mit meinem Humor arbeiten kann. Aber wenn ich einen Sketch, der gut, schlecht oder mittel geschrieben ist, nachspielen muss, zeige ich nicht mein Bestes. Das ist es nicht. Glaube ich.

Mirja Regensburgs Schuhe

Manchmal erzähle ich mir auch selbst zu Hause Witze oder rede mit mir. Ich bin ein sehr ungeschickter Mensch. Man kann mich nicht gut irgendwo hinschicken, ich verletze mich auch sehr oft. Neulich habe ich mir in einer Stunde viermal etwas mit dem Brotmesser zugefügt! Und es war nicht, weil ich keinen Bock mehr auf das Leben hatte. Das sind die Momente, in denen ich mich selber lustig finde. Das versuche ich auch immer mehr auf die Bühne zu bringen, so körperliche Slapsticksachen, das traue ich mich jetzt erst so langsam. Als Mirja ohne Rolle ist das noch mal ein Schritt, weil ich noch mehr preisgebe.

Mirja Regensburgs Hände

Ich fange mein Programm immer mit dem Winkearm an. Wir Frauen haben ja immer das Problem mit dem Winkearm, und die Frauenzeitschriften sagen uns immer, was wir alles machen sollen – Pilates, Liegestütze … mache ich nicht. Ich schlafe extra so eingeklemmt, damit das mehr hängt. Ich finde, wir Frauen sollten das hängen lassen. Machen die Männer schließlich auch. Und deswegen winke ich jetzt immer am Anfang erstmal mit dem Publikum, um das zu etablieren, weil ich eine der Frauen bin, die mit zwei Armen winken. Also, an einem Arm. Aber wir kriegen dadurch auch ein bisschen Winke-Atmo! Wenn man da lange genug steht und einfach winkt, dann winken die Leute irgendwann mit, sie bewegen sich ein bisschen und sind ins Warm-up quasi eingebunden. Dann kann man während des Programms einfach zwischendurch mal ein bisschen winken, wenn man gerade eine Pause braucht, weil man überlegen muss, was als nächstes kommt. Ich arbeite ohne Konzept, da muss ich mir zwischendurch immer mal überlegen, was habe ich jetzt eigentlich schon gespielt und was ist jetzt dran. Gestern habe ich mir fünf Minuten vorher noch auf ein Post-it geschrieben, was ich mache, weil ich das sonst wieder vergessen hätte. Und Wink-Atmo sollte man sowieso auch im Leben haben. Ne? Einfach mal zu Hause dem Partner winken! Kann man gut mal machen!

Menschen zu verbinden im Publikum, sie zum Lachen zu bringen und Liebe zu schenken, das ist mir wichtig. Das ist meine Berufung. Durch diesen Austausch kommt so viel zurück! Im Austausch ist Energie. Und Lachen macht gesund. Ich mache meine Arbeit wirklich in erster Linie fürs Publikum.

Mirja Regensburg

Ich probiere auch immer mal wieder Witze aus dem direkten Umfeld aus, wenn sich alle beömmeln vor Lachen, das habe ich jetzt schon mehrfach gemacht, aber das funktioniert nicht! Nie. Eine Geschichte von meiner Mutter habe ich im Programm, wo sie mal so etwas vollkommen Ahnungsloses über Computer gesagt hat, das schmeiße ich jetzt wieder raus, obwohl ich es großartig finde, ich könnte mich darüber totlachen, aber … vielleicht gibt es auch schon zu viele Witze über sowas. Allerdings habe ich von meiner Mutter jetzt eingebaut, dass sie kein Facebook hat, sondern stattdessen auf den Friedhof geht. Der Friedhof ist ihr Facebook, das ist ihre Pinnwand. Wenn sie die Gießkanne volllaufen lässt, kommt garantiert eine andere Mutti und fragt: »Und? Ist die Tochter wieder im Varieté?«

Tische in Schmidts Tivoli

Große Zukunftspläne habe ich nicht. Ich sehne mich nicht nach großen Stadien und Hallen. Das würde mit meiner Art zu arbeiten auch nicht gut funktionieren, ich brauche die etwas kleinere Zuschauergruppe. Das müssen nicht nur dreißig sein, es soll ja ein bisschen Geld hängenbleiben, aber es müssen auch nicht immer 300 sein, überhaupt nicht. Denn dann ist der Zuschauerraum dunkel, und dann bin ich steif. Ich muss da runtergehen und mit den Leuten sprechen können.
Eigentlich mache ich mir wenig Gedanken drum, was nächstes Jahr ist, oder in drei Jahren … ich möchte natürlich gut davon leben können, Spaß haben, gebucht sein, und nicht so viel auf den Bahnhöfen frieren.

Ende März, Anfang April bin ich für zwei Wochen auf der AIDA, darauf freue ich mich sehr. Und im Mai spiele ich hier im Schmidt-Theater in der Mitternachtsshow. Das ist jeden Samstag, die legendäre Mitternachtsshow, die gibt es seit … schon immer. Da treten verschiedene Künstler auf, Komiker, Hoola-Hoop-Künstler, Artisten, Jongleure, Wilde Tiere.

Das letzte Jahr war perfekt, so könnte es gern weitergehen. Ich habe gedreht, ein Musical gespielt, ein Varieté moderiert, solo gespielt, viel moderiert. Das war ein perfektes Jahr, weil mir sehr wenig langweilig war. Mir wird so schnell langweilig! Da konnte ich ganz viel verschiedene Sachen machen, auch mal mit Kollegen! Mit dem Solo auf Tour zu sein, da habe ich noch nicht viel Erfahrung, die Premiere war ja gerade erst. Aber ich weiß natürlich, dass das ganz schön einsam sein kann.

Stühle in Schmidts Tivoli

Ich habe mal zwei Jahre eine Cave Woman-Variante in Stuttgart gespielt. Nach drei Monaten denkst du da: hm. Du sitzt allein im Zug, bist allein im Hotel, allein Backstage, allein in der Pause, allein nach dem Stück, allein im Restaurant, und dann womöglich allein an der Hotelbar und dann im Hotelzimmer, und morgens wieder allein am Frühstückstisch und allein im ICE. Da ich mich nicht zu Drogenkonsum eigne und damals auch aufgehört hatte zu rauchen, wo man ja auch immer mal jemanden treffen könnte … da bist du als Nichtraucher in der Ferne total einsam, weil du nicht ins Gespräch kommst. Man müsste eigentlich auch für Nichtraucher so Boxen in Flughäfen stellen, wo man sich einfach mal hinsetzen und mit Leuten quatschen kann. Wie im Rheinland! Da geht das ja sowieso. Aber hier in Hamburg eher nicht.

Mirja Regensburg

Als ich früher schon mal in Hamburg gewohnt habe, war ich noch Single, da musste ich immer sehr drüber lachen, dass man hier flirtet, indem man böse wegguckt. Das ist schon eine andere Form. Als ich nach Köln kam, war das so ein harter Umschwung!

Als meine Mutter mich das erste Mal in Köln besucht hat – meine Mutter ist wirklich eine sehr, sehr lustige Frau, die lustigste Frau, die ich kenne, dagegen habe ich null Talent. Sie ist sehr dick und sehr hübsch. Wir gingen durch Köln, und sie sagte irgendwann: Mirja, die gucken einen hier alle so an! Die gucken einem direkt ins Gesicht! Die gucken gar nicht weg! Und ich so: Ja, Mama, wir sind in Köln. Das ist nicht wie Hamburg. Und dann sind wir in eine Kölsch-Kneipe, und sie hat sich gar nicht mehr eingekriegt: Da sind zwei Männer, einer flirtet mit dir, und einer flirtet mit mir! Die prosten uns zu! Ich sag: Ja, Mama, und wenn du noch länger hinguckst, haben wir hier gleich zwei Kölsch auf dem Tisch stehen. Und so war es dann auch.

Jetzt muss ich mich erstmal wieder an Hamburg gewöhnen.

Mirja Regensburg auf der Bühne

Ich freu mich aber sehr, wieder in Hamburg zu sein. Kürzlich habe ich am Hamburger Comedy-Pokal teilgenommen, das war total wichtig, da einen guten Auftritt zu machen. Nächstes Jahr darf ich da eine Veranstaltung moderieren! Dann habe ich ein paar Buchungen im Schmidt Theater im Laufe des Jahres, und einige andere Sachen sind auch schon angefragt. Es muss sich natürlich erstmal herumsprechen, dass ich jetzt hier bin. Aber man arbeitet sowieso meist nicht so stadtbezogen. In Hamburg gibt es auch gar nicht so viel. In der Mitte von Deutschland ist mehr zu tun, ich sitze jetzt noch wesentlich mehr im Zug als vorher. Vorher konnte ich fast immer noch nachts nach Hause fahren und in Köln schlafen, konnte sternförmig sehr viel machen. Im Ruhrpott ist viel, im Rheinland, im Frankfurter Raum.

Jetzt überlege ich, mir eine Bahncard100 zu kaufen. Aber vieles macht man besser mit dem Auto, weil es in Kleinstädten oft gar keinen Bahnhof gibt. Viele Kollegen schleppen ja auch noch Accessoires mit sich herum, Bühnenausstattung. Ich nicht, und zwar genau aus dem Grund, weil ich keine Lust habe, das alles herumzuschleppen. Ich habe nur so ein paar große Pappen für meine Grand-Prix-Nummer. Früher hatte ich einen Ventilator auf dem Techrider stehen, das war das gleiche Bild: Windmaschine für Ivana Snirski. Aber viel lustiger ist es, der ersten Reihe diese Pappen in die Hand zu drücken, damit sie damit Wind machen, und die müssen dann so doll selber lachen, dass sie alle anderen mit anstecken. Das ist super, weil der Gag mit dem Song sonst schnell verpufft, aber so hat man noch einen zusätzlichen Lacher drin, und das ist super.

Mirja Regensburg auf der Bühne

Ich hatte mal einen Heliumhund, so einen Luftballon mit Füßen dran. Bei der Dernière als Helena im Sommernachtstraum bin ich in der ersten Szene mit diesem Heliumhund auf die Bühne gegangen. Und vorher bin ich mit dem durch Hannover gegangen. Dann bin ich auf die Bühne, habe mein erstes Lied gesungen und habe gemerkt, oh, es ist windig, das war ja in den Herrenhäuser Gärten, und mir wehte der Hund weg. Also habe ich ihn unter den Arm genommen und weitergesungen. Die Leute haben nur noch gelacht, und die Kollegen auch, die haben sich die Wimperntusche verschmiert, das war ein toller Moment! Hinterher stand in der Zeitung, warum das eigentlich nicht Teil der Inszenierung war.

Man könnte natürlich einfach mal mit so einem Hund durch Hamburg gehen und mal sehen, ob man nicht mit den Leuten ins Gespräch kommt.

Mirja Regensburg auf der Bühne

Vor kurzem habe ich zum ersten Mal unterrichtet, und zwar Impro an der Kölner Schauspielschule. Das möchte ich auch gern weitermachen. Das war sehr toll, hat viel Spaß gemacht. Und dann will ich natürlich weiter schreiben, immer mehr eigene Worte haben und auf die Bühne bringen. Für das Schreiben habe ich noch kein richtiges Konzept gefunden, weil ich ein sehr schlechtes Zeitmanagement habe. Ich tippe unterwegs ins Handy. Am besten funktioniert es wirklich, wenn mir unterwegs etwas einfällt und ich das möglichst noch am selben Abend ausprobiere, oder am nächsten. Und dann muss ich mich disziplinieren, das in mein Dokument einzufügen. Gestern Abend habe ich ein paar neue Sachen ausprobiert – wenn ich die nicht heute oder morgen wieder mache, muss ich das eintragen, sonst vergesse ich das.

Am Anfang hatte ich nur Chaos und Zettelei, und dann habe ich mit einem sehr guten Autor zusammengearbeitet, der mir beigebracht hat, wie man überhaupt ein Gesamtdokument auf dem Rechner hat, wie man das aktualisiert und alles reinschreibt, und wie man ein Konzept macht. Das ist wichtig, das hilft. Man kann nicht so verpeilt und kreativ und impulsgesteuert, wie man auf der Bühne ist, auch am Schreibtisch arbeiten. Aber das lerne ich gerade erst. Hart.

Mirja Regensburg

»Menschen zu verbinden im Publikum, sie zum Lachen zu bringen und Liebe zu schenken, das ist mir wichtig. Das ist meine Berufung.«

Hier ist Mirjas Webseite.

2 Kommentare

  1. Wunderbar – wie absolut herzerfrischend!
    Werde regelmäßig nachsehen, ob sie mal in oder um München herum auftritt.
    (Fürchte mich allerdings ein bisschen, wie sie München wahrnimmt.)

  2. Toller Beitrag, coole Mirja! – Ich fand‹ [mal wieder] besonders spannend, wie genau sie nun auf ihre »verschiedenen« Jobs gekommen ist.

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